Der neue Kollege: KI
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Der neue Kollege: KI

Künstliche Intelligenz (KI) – selten hat eine neue Technologie von der Lancierung zur massenhaften Verbreitung so wenig Zeit benötigt. Unternehmen müssen demnach sehr schnell Lösungen für das «Wie» ­finden: wie einsetzen, wie davon profitieren, wie die Belegschaft abholen und wie moralisch korrekt aufsetzen.
3. Februar 2024

     

Wer in der IT-Welt zu Hause ist, weiss: KI ist an sich kein neues Phänomen. Doch die Zunahme der Rechenleistung hat hier wahre Wunder bewirkt. Es ist fast ein wenig so, als hätten wir auf einmal die Energiequelle für den berühmten Warp-Antrieb gefunden, um nach den Sternen zu greifen. Um im Bild zu bleiben: Die Crew einer Linienmaschine wird nicht ohne Weiteres ins All aufbrechen können. Darum ist es so wichtig, dass Unternehmen – hohem Zeitdruck zum Trotz – einen guten Plan entwickeln, um Ihre Teams vorzubereiten und abzuholen.

Denn die Mehrwerte sind verlockend: Steigerung der Produktivität, Rationalisierung von Abläufen sowie Schaffung von Freiräumen, mit denen Innovationen und damit letztlich Technologievorsprünge realisiert werden können. Dabei wäre es vermessen zu behaupten, dass KI zu keiner Zeit Arbeitsplätze kosten wird; das wird sie. Und sie wird neue schaffen. Und sie wird vorhandene transformieren; für mehr Freiräume, Kreativität und Qualität. Damit stellt sie sich in eine lange Reihe disruptiver Technologien.


Zahlen zeigen, wie sehr die Weltwirtschaft und damit die weltweite Gesellschaft von KI profitieren: So haben zum Beispiel Studien des National Bureau of Economic Research ergeben, dass mit generativer KI die Produktivität um 14 Prozent zunehmen kann. Zudem lässt sich zum Beispiel Stress bei Belegschaften reduzieren und die Mitarbeiterbindung in Kundensupport-Rollen erhöhen. Eine Erhebung von Goldman Sachs Research prognostiziert, dass generative KI einen Anstieg des globalen BIP um sieben Prozent – das sind über sechs Billionen Franken – bewirkt. Damit einher geht ein Produktivitätswachstum von jährlich 1,5 Prozent über einen Zeitraum von zehn Jahren.


Kollege KI

Gerade bei generativer KI (KI, die Inhalte generiert, beispielsweise ChatGPT oder Dall-E), die ja den aktuellen Hype erst ausgelöst hat, erfolgt die Nutzung in den Unternehmen bereits und soll im Laufe des Jahres 2024 weiter stark zunehmen. Aktuelle Umfragen von McGuire Research Services unter IT- und Business-Entscheidern belegen dies. Momentan liegt der Fokus noch darauf, sich regelmässig wiederholende Aufgaben automatisiert von der KI erledigen zu lassen, sie für Übersetzungen zu verwenden oder bei Recherchen und damit Entscheidungen zu unterstützen. Auch bei der Verbesserung des Kundenkontakts kommen generative KIs bereits zum Einsatz. Der Einfluss auf die tägliche Arbeit wird bei den bisherigen sowie bei kreativen Arbeiten noch weiter steigen.

Die weltweite Basis dafür hat zum erheblichen Teil Microsoft mit dem Go-Live von Copilot für Microsoft 365 gelegt. Seit November 2023 verfügbar, krem­pelt er bereits die Arbeitsweise vieler Unternehmen und der Belegschaften um. Automatisierung in Outlook, schnellere und gleichzeitig kreativere Präsentationen, Berichte. Hinzu kommt die zunehmende Verwendung von grafischen Tools wie Dall-E, mit deren Hilfe sich per Prompt KI-basierte Bilder erstellen und für besagte Aktivitäten verwenden lassen.


Es ist also durchaus so, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst das Gefühl haben: Tools auf Basis generativer KI können mir wirklich weiterhelfen. Auch das belegen die von McGuire Research erhobenen Daten. Mehr noch, die Grundstimmung ist positiv. Die Erwartungen an einen Mehrwert auf die eigenen Rollen sind letztlich ein Zeichen von Akzeptanz, das es zu goutieren heisst. Das gilt gleichermassen für die Entlastung von weniger liebsamen Aktivitäten als auch für die Verbesserung von Aspekten wie eigener Effizienz, Innovation oder Zufriedenheit.

KI annehmen lernen

Dabei ist es keine Selbstverständlichkeit, dass die Teams in den Büros – denn für die Produktionshallen gibt es andere Lösungen beziehungsweise wird es andere geben – diese neue Hilfe so gut annehmen. Allein die Psychologie diktiert eine gewisse Zurückhaltung: Hilfe annehmen wird etwa bisweilen als Schwäche angesehen. Unter Menschen fühlt es sich zudem besser an, andere zu unterstützen; immerhin dieser Mechanismus spielt bei KI-basiertem Support wohl keine grosse Rolle. Dennoch: Unternehmen sind gut beraten, die Integration der «neuen KI-Teammitglieder» aktiv zu gestalten und ihre Belegschaft dabei zu führen.

Denn die bestmögliche Nutzung einer neuen Technologie steht vor zwei zentralen Herausforderungen: Neues lernen und Altes vergessen. Ein wichtiger Bestandteil dabei wird es demnach sein, so manch alte, gar lieb gewonnene Herangehensweise über Bord zu werfen, vermeintlich bewährte Tools nicht mehr einzusetzen et cetera. Aufgeschlossenheit und Interesse sind zudem noch keine Garanten dafür, dass sich Belegschaften den richtigen Umgang mit den Tools aneignen.


Für Unternehmen ist es daher ratsam, einen strukturierten Lernprozess zu etablieren. Das zeigt auch die in der besagten Studie erhobene Einschätzung, dass sich Angestellte weltweit für den Umgang mit KI-Tools noch nicht gut genug trainiert fühlen. Und das ist auch nachvollziehbar: Auf gewisse Weise werden alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Führungskräften. Sie müssen Aufgaben in Prompts beschreiben und delegieren. Das sind Fähigkeiten, die es aktiv auszubauen gilt. Ein kleiner, aber eminent wichtiger Nebensatz: Dazu gehören unbedingt auch weitreichende IT-Security-Unterweisungen sowie solche im Bereich des Datenschutzes.

Von der Technologie zur Moral

An dieser Stelle mag es Zeit sein für ein Zwischenfazit: Mit generativer KI erhalten Unternehmen aller Art und Grösse Zugriff auf eine Technologie mit disruptivem Charakter. Mit Verweis auf die schnelle Verbreitung ist wie erwähnt Eile bei der Einführung geboten: Die Konkurrenz wird nicht warten; das gilt umso mehr, als die Kosten vergleichsweise gering sind. Wie jede neue Technologie ist auch generative KI zunächst einmal ein Werkzeugsatz, der erstens die Schulung im Einsatz und zweitens eine moralische Vorgehensweise erfordert. Während beim ersten Punkt Unternehmen und Belegschaften relevante Stakeholder sind, werden bei letzterem Gesetzgeber und Unternehmen gefragt sein.

Dass grundsätzlich auch Fragen der Moral beziehungsweise der Ethik als Wissenschaft der Moral zu beantworten sind, ist im KI-Kontext natürlich nicht neu. Von der Science-Fiction bis zur Philosophie wurden Implikationen bereits mannigfaltig diskutiert. Was neu ist im Vergleich zu diesen bisherigen Diskursen, ist die konkrete Manifestierung. Einfach gesagt: Was jahrzehntelang Theorie war, ist innerhalb kürzester Zeit eine durchaus drängende Frage der praktischen Umsetzung geworden. Deshalb ist es auch angebracht, nicht nur von digitaler Ethik, sondern von digitaler Moral zu sprechen.


Einmal mehr hat sich die Europäische Union als regulative Vorreiterin an die Spitze gestellt, der auch die Schweiz im Rahmen des Datenschutzgesetzes (DSG) überwiegend folgt. Das in seinen Ursprüngen bereits 2021 vorgeschlagene KI-Gesetz hat Anfang Dezember 2023 den Verfahrensweg in der EU beschritten und wird wohl 2024 endgültig verabschiedet werden. Wichtige Bestandteile sind – wenig verwunderlich – datenschutzrechtliche Aspekte, etwa im Bereich des Gesichtserkennung, sowie überdies die relativ weitreichende Offenlegung von Grundlagenmodellen. Fraglos sind das wichtige Punkte, doch auch hier zeigt sich: Die Tiefe der Thematik führt dazu, dass viel «Moralarbeit» bei den Unternehmen liegen wird.

Checkliste für den Einsatz generativer KI

- Sicherstellen, dass das im Unternehmen vorhandene menschliche und maschinelle Wissen gut strukturiert ist.

- Erstellen einer Liste von priorisierten Bereichen und Anwendungsfällen, bei denen KI-Tools weiterhelfen könnten.

- Aufbau eines Basissystems, um allen in der Belegschaft zu den richtigen Fähigkeiten zur KI-Nutzung zu verhelfen.

- Frühzeitige Einbindung der User und gemeinsame Erarbeitung eines Einführungsplans, Besprechung der jeweiligen persönlichen Auswirkungen sowie jener auf die Teams.

(Auch) Unternehmen sind moralisch gefordert

Als öffentliche Organisationen sind Unternehmen dabei dem legislativen Zwang ebenso ausgesetzt wie dem gesellschaftlichen. Ein Unternehmen kann es sich grundsätzlich nicht leisten, moralisch unsauber zu arbeiten. Dass dies dennoch geschieht, muss an anderer Stelle diskutiert werden. Unstrittig ist: Wird ein solches Fehlverhalten publik, ist der Schaden häufig gross. Insofern ist hier eine Risikoanalyse und -bewertung empfehlenswert – mit dem Resultat einer moralisch korrekten KI-Implementierung. Wegen der wirtschaftlichen Verflechtungen werden dabei natürlich auch EU- sowie weitere Regularien für Schweizer Unternehmen relevant sein.

Um nochmals auf die von McGuire ­Research Services erhobenen Daten einzugehen: Knapp die Hälfte der Befragten – und das waren immerhin 3000 Interviewte aus den führenden Wirt­schafts­nationen – haben sich und ihr Unternehmen nicht oder nicht vollständig auf spezifische Richtlinien und Vorschriften für verantwortungsbewusste KI-Nutzung verständigt; dass ein etwa ebenso grosser Prozentsatz auch am zugehörigen Risikomanagement zweifelt, dürfte in direktem Zusammenhang stehen. Nun sind dies internationale Zahlen, und es gibt durchaus gewisse Abweichungen in den Ländern. Doch es ist vermutlich nicht zu verwegen zu sagen: Der Grundtenor dürfte in der Schweiz ähnlich sein. Wobei Richtlinien nur Sinn machen, wenn sie mit der entsprechenden Schulung des Bewusstseins der Mitarbeiter einhergehen. Die technische Entwicklung und die Fähigkeiten generativer KI entwickeln sich so schnell, dass Richtlinien und Vorschriften gezwungenermassen immer etwas hinterherhinken. Nutzer müssen daher selbst über einen moralischen Kompass verfügen, um generative KI verantwortungsvoll einsetzen zu können. Gleichzeitig muss aber auch die Gesellschaft ein Bewusstsein entwickeln, dass uns Vorschriften nicht komplett vor Missbrauch schützen werden und daher bei der Konsumation von Inhalten immer Vorsicht angebracht ist.


Mit Blick auf die so wichtige schnelle Einführung von KI-Werkzeugen dürfen unsere Unternehmen nicht ausschliesslich auf die Technologie blicken. Auch flankierende Prozesse gehören dazu, ethisch-moralische inkludiert. Demnach wird es 2024 eine Aufgabe der Firmen sein, sich ein eigenes Rahmenwerk zu setzen, um moralisch sauber mit KI zu arbeiten. Dieses sollte sowohl die eigenen Werte einer Organisation berücksichtigen als auch die Erwartungen all derer, die mit ihr interagieren. Die grosse Herausforderung dabei: Es wird nicht das eine Patentrezept geben. Demnach werden sich Unternehmen selbst analysieren und eigene Schlüsse ziehen müssen.

Ausblick

Vor vielen der Aufgaben und Herausforderungen rund um eine moralisch korrekte KI-Nutzung stehen wirtschaftliche Organisationen allerdings schon seit jeher, wenn sie sich einen entsprechenden Kodex auferlegen wollen – insofern können womöglich in der Vergangenheit etablierte Mechanismen immerhin zu Teilen wiederverwendet werden. Dabei ist es wichtig, auch auf dieser nicht-technischen Ebene nochmals über den Tellerrand zu blicken. So können etwa technische Ungenauigkeiten zu ethischen Verwerfungen führen; das gilt auch für jedwede Bias-Themen sowie Plagiats- und Datenschutzfragen. Insofern wird es auch entscheidend sein, ein Moral-Monitoring einzuführen.

Der Autor

Andreas Schindler ist Geschäftsführer der Avanade Schweiz GmbH. In dieser Rolle entwickelt er den führenden Anbieter digitaler Innovationen im Microsoft-Ökosystem seit 2018. Bevor er seine Arbeit bei Avanade aufgenommen hat, war er lange Jahre in zahlreichen führenden Positionen bei etablierten Unternehmen tätig. Der gebürtige Zürcher verfügt über einen Masterabschluss in Mechanical Engineering, den er an der ETH Zürich erworben hat.



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