Gerüstet für einen allfälligen Blackout

Gerüstet für einen allfälligen Blackout

5. November 2022 - Im Winter droht der Schweiz eine Energiemangellage. Wie gehen hier ansässige Rechenzentrumsbetreiber damit um? Und sind sie Teil des Problems oder der Lösung?
Artikel erschienen in IT Magazine 2022/11
Gerüstet für einen allfälligen Blackout
Ueli Maurer (rechts) mit Green-CEO Roger Süess (links): Der Noch-Bundesrat konnte sich Ende Oktober während eines ­Besuchs beim Rechenzentrumsdienstleister in Lupfig selbst ein Bild über einen nachhaltigen und ausfallsicheren Datacenter-Betrieb machen. (Quelle: Green)
Im Frühling 2009 wurde die Gemeinde Lupfig im Kanton Aargau von einem Tag auf den anderen schweizweit bekannt. Hier, im Dreieck Zürich, Bern, Basel, plante Green den Bau eines riesigen neuen Rechenzentrums. Inzwischen wurde der Campus Zürich-­West mehrfach ausgebaut, eine neuerliche Erweiterung um drei Neubauten ist geplant. Zudem baut Green in Dielsdorf im Kanton Zürich aktuell den Metro-Campus Zürich mit drei Datacenter-Modulen, wovon das erste demnächst in Betrieb gehen soll.

Das Beispiel Green veranschaulicht den Boom der vergangenen Jahre sowie die ungebremst hohe und weiter steigende Nachfrage nach Cloud- und Rechenzentrumsdienstleistungen aus der Schweiz. Immer mehr neue Datacenter schiessen aus dem Boden. Eine Entwicklung, die bisher meist positiv aufgenommen wurde – wäre da nur nicht der grosse Strombedarf der Data­center beziehungsweise von IT-Infrastrukturen im Allgemeinen. Im Zuge einer drohenden Energiemangellage in diesem Winter rücken die Schweizer Rechenzentren auf einmal in den Fokus – und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht.


Kunden fragen sich, ob ihre Cloud-Dienste und Daten auch während eines möglichen, längeren Stromausfalls noch zur Verfügung stehen werden. Politik, Gesellschaft und Experten diskutieren derweil darüber, wie Rechenzentren und IT-Infrastrukturen energieeffizienter gemacht werden könnten – und wie sie bei einem allfälligen Stromengpass unter Umständen sogar unser Energienetz stützen könnten.

Wir haben uns bei Green, Microsoft, dem wohl grössten Hyperscaler mit hiesigen Datacentern, sowie Energie Wasser Luzern (EWL), einem Rechenzentrumsbetreiber und gleichzeitig Energiedienstleistungsunternehmen, umgehört.

Betrieb auch bei möglichem Blackout sichergestellt

Gerüstet für einen allfälligen Blackout
Netzersatzanlagen wie diese hier im Rechenzentrum Stollen Luzern könnten einen wichtigen Beitrag zur Netzstabilisierung leisten und ungeplante Blackouts verhindern. (Quelle: EWL)
Die gute Nachricht vorweg: Schweizer Rechenzentren gehören zu den sogenannt kritischen Infrastrukturen und wären bei einer allfälligen Strommangellage nicht von entsprechenden Rationierungen betroffen. Hinzu kommt, dass nicht nur Green, Microsoft und EWL, sondern vermutlich die grosse Mehrheit der Schweizer Datacenterbetreiber, einen nahtlosen und im Notfall autonomen Betrieb sicherstellen können – zumindest kurzfristig. Wie das langfristig aussieht, ist aktuell eine andere Frage. Diese lautet in erster Linie: Ist genug Diesel da?

Microsoft könnte seine Rechenzentren in der Schweiz dank vorhandener Notstromversorgung und sichergestellten Nachschüben laut eigenen Angaben auch über eine längere Zeit unabhängig betreiben. «Wir haben in anderen Ländern schon öfters solche Situationen mit langen Stromausfällen erfolgreich gemeistert und weitere Lehren daraus gezogen», erklärt Primo Amrein, Cloud Lead bei Microsoft Schweiz. Dazu gehört, dass man auf langfristige Verträge setzt und die Zusammenarbeit mit Energielieferanten sowie entlang der gesamten Lieferkette vertieft hat. Insbesondere rund um die Rechenzentren in der Schweiz und weltweit treffe man zudem zusätzliche Vorkehrungen. Green hat im Hinblick auf die drohende Strommangellage unter anderem in die Diversifizierung seiner Lieferketten investiert sowie seine Dieselvorräte erhöht. Und auch bei EWL sind die Dieseltanks gefüllt sowie die Netzersatzanlagen getestet und betriebsbereit.

Ein reibungsloser Datacenterbetrieb ist also sichergestellt. Damit ist es für die Kunden jedoch noch nicht getan ist. Wie Green mitteilt, gilt es nämlich unbedingt auch weitere Abhängigkeiten wie die der Kommunikationsnetze, die Stromversorgung an den eigenen Firmenstandorten oder Verbindungen zu Lieferanten zu prüfen, um die Versorgungssicherheit definitiv sicherzustellen zu können.

EWL wirft in diesem Zusammenhang zurecht die Frage auf, inwiefern der Betrieb eines Rechenzentrums mit Netzersatzanlagen überhaupt noch Sinn machen würde, wenn die restliche Infrastruktur ausserhalb (wie beispielsweise die Endgeräte der Kunden), über einen längeren Zeitraum, beispielsweise mehrere Tage, keinen Strom mehr hätten. Eine Frage, die wir diesen Winter hoffentlich nicht werden beantworten müssen.
 
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