«Die sicherste Variante ist das Treffen»

«Die sicherste Variante ist das Treffen»

7. November 2020 - Ein Internet-Betrug ist schnell passiert, egal wie affin man mit dem Thema ist. «Swiss IT Magazine» hat sich mit Jelena Moncilli, Anti-Fraud Specialist beim Online-Kleinanzeigenportal Anibis, über einen konkreten Fall und dazu, wie man sich schützen kann, unterhalten.
Artikel erschienen in IT Magazine 2020/11
Jelena Moncilli ist als Anti-Fraud Specialist bei Anibis für das Thema Betrugsprävention zuständig. (Quelle: Anibis)
Dass man auch als IT-Journalist nicht davor gefeit ist, auf einen Online-Betrug hineinzufallen, zeigt folgendes Beispiel: Am 12. August habe ich – der Interviewer – auf Anibis.ch eine Oculus Quest gekauft. Das Inserat war schon einige Tage online, der Verkäufer oder die Verkäuferin hatte zudem weitere Produkte inseriert. Als Kaufpreis verlangte er (oder sie) 330 Franken – kein Schnäppchen, das stutzig machen sollte, aber bei einem Neupreis von damals knapp 500 Franken ein guter Preis. Die Kontaktaufnahme erfolgte via Anibis-internem Chat-Tool – eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Allerdings verlangte ich relativ rasch eine Handy-Nummer, nicht zuletzt, um die Schweizer Identität des Verkäufers zu prüfen. Diese Handynummer bekam ich auch, das Whatsapp-Profilbild zeigte eine Familie, Vater, Mutter, Tochter, und die Konversation wurde in weitgehend sauberem Deutsch geführt. Einen Paypal-Account – wegen des integrierten Käuferschutzes immer meine erste Wahl – habe er leider nicht, beantwortete er die Frage nach den Bezahlmöglichkeiten, und sein Twint-Konto habe er kürzlich aufgelöst. Dafür gab der Verkäufer oder eben die Verkäuferin mir ein Konto bei der UBS inklusive eines weiblichen Namens und einer Adresse (der Ort stimmte mit dem Inserat überein) an und fragte gleichzeitig nach meiner Adresse für den Versand der Brille – für den er/sie zusätzlich 9.50 Franken verlangte. Soweit keine wirklichen Verdachtsmomente.

Am Folgetag – einem Freitag – verneinte der Verkäufer meine Frage, ob die Zahlung bei ihm eingegangen sei. Er warte bis 17.00 Uhr, ob die Zahlung auf seinem Konto lande, oder dann bis Montag, und er versprach, mich auf dem Laufenden zu halten. Montagvormittag fragte ich dann erneut nach, ob die Zahlung nun eingegangen sei. Nun blieb eine Antwort aus, und bis spätestens am Nachmittag war mir klar, wohl einem Betrüger auf den Leim gegangen zu sein. Ich erstattete noch am selben Tag Anzeige bei der Polizei und kontaktierte meine Bank (leider erfolglos) sowie Anibis.ch. Aus dieser Kontaktaufnahme ist nun nachfolgendes Interview mit Jelena Moncilli zustande gekommen, die bei Anibis.ch als Anti-­Fraud Specialist für das Thema Betrugsprävention zuständig ist und einleitend betont, dass der grösste Teil der Transaktionen auf Anibis problemlos ablaufen würden.
«Swiss IT Magazine»: Frau Moncilli, Ich nehme an, Sie kennen meinen Fall: Ich habe ein Produkt auf Anibis gekauft, das ich mehrere Tage lang im Auge hatte und dessen Preis legitim schien. Ich hatte eine Schweizer Handynummer als Kontakt und habe den Kaufbetrag auf ein Schweizer UBS-Konto überwiesen. Was habe ich falsch gemacht, dass ich trotzdem betrogen wurde?
Jelena Moncilli:
Zuerst möchte ich vorausschiessen, dass sich die Betrugsmaschen in den letzten 12 bis 15 Monaten deutlich geändert haben. Die Betrüger gehen immer raffinierter vor. Geld beispielsweise nur auf ein Schweizer Konto, nicht aber ins Ausland zu überweisen, reicht heute nicht mehr als Vorsichtsmassnahme. Wir selbst haben früher diese Empfehlung gemacht, und diese Empfehlung wurde von den Nutzern berücksichtigt, allerdings auch von den Betrügern gehört. Also haben sie eine Möglichkeit gefunden, um mit Schweizer Konten arbeiten zu können. Doch um ihre Frage zu beantworten: Um grösstmögliche Sicherheit zu haben, nicht auf einen Betrug hereinzufallen, hätten Sie ein persönliches Treffen respektive die persönliche Übergabe des gekauften Artikels vorschlagen müssen – egal, wo das Objekt sich befindet.

Das allerdings war nicht wirklich eine Option, der Standort des Verkäufers war viel zu weit weg für mich, in Gams, an der Grenze zu Liechtenstein.
Das ist typisch für solche Fälle. Oft werden Orte verwendet, die weit weg von den Ballungszentren sind – das Tessin zum Beispiel, Orte wie Scuol oder die hinterste Ecke im Jura. Sie werden nie ein solches Betrügerinserat in Zürich oder Lausanne haben, weil das Risiko, dass der Käufer die Ware dann persönlich abholen will, viel zu gross ist. Schlägt man aber auch bei abgelegenen Standorten vor, die Ware persönlich zu holen, merkt man anhand der Antwort rasch, dass etwas nicht koscher ist. Oft stimmen übrigens auch die Adresse des Inserats und die des Bankkontos nicht überein.

Wenn ich nun trotzdem nicht persönlich abholen will – gibt es weitere Massnahmen, mich vor Betrug zu schützen?
Je nach Objekt kann man ein ganz spezifisches Foto des Produkts verlangen, das verkauft wird. Handelt es sich zum Beispiel um ein iPhone, soll der Verkäufer ein Foto des Handys auf einer Ausgabe der Zeitung des aktuellen Tages schicken. Natürlich gibt auch das keine 100-prozentige Sicherheit, der Betrüger kann irgendein iPhone mit der Zeitung ablichten – sofern er in der Schweiz sitzt, was allerdings selten der Fall ist. Bei spezielleren Artikeln schaffen es die Betrüger aber praktisch nie, ein Foto zu liefern. Ein wichtiger Punkt ist zudem die Kommunikation. Anibis versucht, die Kommunikation über ein internes Chat-Tool soweit wie möglich bei Anibis zu behalten, weil wir für dieses Chat-Tool verschiedene Mechanismen einsetzen, die bestimmte Verhaltensmuster analysieren. Das Problem ist, dass die Betrüger das haargenau wissen und darum rasch vorschlagen, ausser­halb von Anibis zu kommunizieren, etwa über eine Handynummer.
 
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