CIO-Interview: «Für kleinere KMU herrscht ein Vakuum an pas­senden Lösungen»

CIO-Interview: «Für kleinere KMU herrscht ein Vakuum an pas­senden Lösungen»

(Quelle: Wildbiene)
5. September 2020 - Florian Schröder hat als CIO des aufstrebenden, in einer Nische tätigen Start-ups Wildbiene + Partner manchmal Mühe, die passenden Lösungen für seine Anforderungen zu finden. Nicht zuletzt deshalb wird einiges selbst entwickelt.
Artikel erschienen in IT Magazine 2020/09
Swiss IT Magazine»: Weshalb braucht ein Anbieter von ­Wildbienen-Häuschen einen IT-­Leiter?
Florian Schröder:
Gute Frage – wozu brauchen Wildbienen IT? Ein wichtiger Aspekt unseres Angebots – das übrigens weit über Wildbienen-Häuschen hinausgeht – ist es, unsere Kunden und Kundinnen miteinzubeziehen und ihnen ein Wildbienen-Erlebnis zu bieten. Ein Beispiel dazu: Der Kunde kann sein Häuschen einmal pro Jahr zurückschicken, um dann neben einer frischen Startpopulation eine detaillierte Statistik zum Vermehrungserfolg der Wildbienen zu erhalten. Diese Analyse und das Bereitstellen der Daten sind ohne IT unmöglich. Allerdings gab es bei Wildbiene + Partner nicht von Beginn weg einen IT-Leiter, sondern einfach eine Person, die für IT zuständig war, und das war ich. Meine heutige Doppelrolle als CIO und COO hat sich erst mit der Zeit entwickelt.

Welche Aufgaben gehören zum Operations-Bereich?
Neben der IT noch die Logistik und die gesamte Produktion. Wildbiene + Partner ist auch ein produzierender Betrieb, wir produzieren unsere Beehomes mit unseren Partnern – unterschiedlichen sozialen Werkstätten. Ebenfalls dazu gehört ­ausserdem das gesamte Bienen-Management. Von September bis Mitte Mai befinden sich die Mauerbienen in unserer Obhut, was eine Reihe von internen Prozessen bedingt, die im Operations-Bereich angesiedelt sind.

Von wie vielen Bienen sprechen wir da?
Eine genaue Zahl kann ich nicht nennen – es sind mehrere Millionen Mauerbienen an verschiedenen Standorten in verschiedenen Ländern, wobei wir uns an biogeografische Grenzen halten müssen.
Sie haben die Analyse der Wildbienen-­Häuschen als wichtige IT-Aufgabe erwähnt. Wo sonst setzt Wildbiene + Partner noch auf Informationstechnologie?
Da gibt es zum einen natürlich die Standard-IT-Tools, wo wir auf Standardsoftware zum Beispiel von Google setzen. Zum anderen bieten wir ja nicht nur Wildbienen-Häuschen, sondern auch Bestäubungsdienstleistungen für die Landwirtschaft an. Dafür managen wir einen riesigen Bestand an Mauerbienen. Dabei wollen wir zum Beispiel sicherstellen, dass sie unter optimalen Bedingungen überwintern. Um hier den Überblick zu behalten ist Informationstechnologie unabdingbar. Ausserdem wollen wir auf IT zurückgreifen, um unsere Prozesse zu standardisieren und skalierbar zu machen. Ein Beispiel hierfür ist die Inkubation – also das Aufwecken der Wildbienen im Frühjahr. In diesen Prozess fliessen unterschiedliche Daten hinein, auf deren Basis wir Prognosen zu machen versuchen, zu welchem Zeitpunkt in welcher Region eine bestimmte Kultur blüht. Ein weiteres Beispiel kommt aus der Logistik. Üblicherweise kann man da Standardsoftware einsetzen. Wenn nun aber Wildbienen involviert sind, verändern sich doch einige Parameter, die in Standardlösungen nicht abgebildet werden können. Darum setzen wir bei denjenigen Business- und Versandprozessen, in die die Wildbienen direkt involviert sind, auf Eigenentwicklungen.

Ist das nicht ein Grundsatzproblem, dass es durch die Besonderheit Ihrer Tätigkeit schwierig ist, Standardlösungen zu finden – etwa zur Analyse der Wildbienen-Häuschen oder zur Überwinterung der Wildbienen?
Es ist in der Tat so, dass wir überall dort, wo Wildbienen involviert sind, auf Eigenentwicklungen setzen müssen. Andererseits verwenden wir natürlich Standardprodukte aus der Cloud, wenn immer das möglich ist. Das gilt für die Buchhaltung, die Office-Suite, das Passwort-Management und so weiter – alles kommt aus der Cloud, wir betreiben selbst keinen einzigen Server. Und dann gibt es einen relativ grossen Teil, wo wir auf Mischumgebungen aus Standardsoftware und selbstentwickelten Lösungen setzen.

Wo zum Beispiel?
Etwa bei der bereits erwähnten Logistik respektive im Bestellwesen. Für unsere Privatkunden können wir auf Standardlösungen setzen – einen Shop, über den die Bestellungen hereinkommen und über unser ERP zu den Fulfillment-Partnern gehen. Für unsere Obstbauern aber mussten wir eine Eigenentwicklung bauen, weil hier ein etwas spezielles Abo-System zur Anwendung kommt und der Kunde nicht nur einfach ein Produkt bestellt, sondern eine mehrstufige Dienstleistung. Viele Produzenten erhalten zuerst den Niststand ohne Bienen, und rufen dann später die Mauerbienen ab. Denn diese müssen genau zum richtigen Zeitpunkt und korrekt inkubiert beim Bauern ankommen, um sofort loslegen zu können.
 
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