Interview mit Prof. Dr. Jana Koehler, Professorin für Informatik an der Hochschule Luzern

"Die Schweiz hat die Bedeutung der künstlichen Intelligenz sehr lange unterschätzt"

"Die Schweiz hat die Bedeutung der künstlichen Intelligenz sehr lange unterschätzt"

10. Juni 2017 - Interview: Fridel Rickenbacher

Jana Koehler, Professorin für Informatik an der Hochschule Luzern und Sprecherin der Fachgruppe SGAICO der Schweizer Informatik Gesellschaft (SI), nimmt pointiert Stellung zu den Auswirkungen von künstlicher ­Intelligenz auf Wirtschaft, Forschung, Gesellschaft und Politik.
Artikel erschienen in IT Magazine 2017/06
Was sind Ihrer Einschätzung nach die grössten Herausforderungen eines zunehmend durch künstliche Intelligenz, Data Science, Machine Learning und Robotik unterstützten, digitalisierten Lebensraumes und Wirtschaftssystems?
Neben der grossen Chance auf ein sehr effizientes, nachhaltiges und ökologisch ausgerichtetes Wirtschaftssystem, die uns durch diese Technologien geboten wird, wird es darauf ankommen, den ungeheuren Reichtum, den wir erarbeiten, auch an alle Menschen gerecht zu verteilen und ihnen die Möglichkeit zu bieten, einer sinnvollen und anerkannten Tätigkeit nachzukommen. Wir können uns nicht noch mehr Verlierer in unserer Gesellschaft leisten.

Wo steht die Schweiz jetzt und in Zukunft im internationalen Vergleich im Bereich Forschung und Entwicklung der künstlichen Intelligenz und im entsprechenden Ökosystem?
Die Schweiz hat die Bedeutung der künstlichen Intelligenz sehr lange unterschätzt und sich nur wenig an der internationalen Forschung auf diesem Gebiet beteiligt. Schweizer Forscher traf man nur selten auf den grossen internationalen KI-Konferenzen, und auch eine nationale Community gab es auf diesem Gebiet nicht. Die SGAICO (Anm. der Red.: Swiss Group on Artifcial Intelligence and Cognitive Science, eine Fachgruppe der Schweizer Informatik Gesellschaft) als eine der ältesten KI-Gesellschaften in Europa existierte seit Ende der 90er Jahre de facto nur noch auf dem Papier. 2013 haben wir sie wieder aktiviert und führen seither viele Veranstaltungen durch, aber noch immer gibt es viel Potenzial für eine verbesserte Vernetzung aller Akteure. Auch an den Schweizer Universitäten und Fachhochschulen wurden die Aktivitäten verstärkt, wobei aus meiner Sicht eine Überbewertung des maschinellen Lernens zu Lasten anderer wichtiger Teilgebiete der KI zu beobachten ist. Für die Wirtschaft hat dies zurzeit sehr dramatische Auswirkungen, da wir neben dem bekannten IT-Fachkräftemangel auch grosse Wissensdefizite in Bezug auf KI im Management haben.
Wie beurteilen Sie die diesbezügliche Regulierungsdichte, insbesondere auch neue, in Vernehmlassung stehende Gesetze wie das neue Datenschutzgesetz DSG und die elektronische Identität E-ID? Wie sieht es mit ethischen Fragen aus?
Wir müssen den Datenschutz noch ernster nehmen als bisher und auch wirklich durchsetzen. Ich habe grosse Mühe damit, dass systematisch Personenprofile angelegt und unterschiedlichste Daten miteinander verknüpft werden. Bisher hat mich noch kein Unternehmen überzeugen können, dass es bessere Produkte und Dienstleistungen nur dann anbieten kann, wenn es seine Kunden ausspioniert und manipuliert. Aus meiner Sicht sollten sich Unternehmen auf Innovationen konzentrieren und an Henry Fords berühmten Ausspruch denken, dass sich seine Kunden stärkere Pferde statt Autos gewünscht hätten, wenn er sie gefragt hätte.
Bereits kurzfristig sollten wir über Themen wie ein Recht auf nichtautomatisierte Entscheidungen, ein Recht auf Nicht-Identifizierbarkeit und Verfolgbarkeit oder ein Recht auf Nicht-Verknüpfen von Informationen diskutieren.

Wo sehen Sie im Rahmen der Standards von Forschung und Reformen wie Lehrplan 21 weiter absehbaren Handlungsbedarf im internationalen Wettbewerb im Bereich der Digitalisierung und im Speziellen der Erforschung der künstlichen Intelligenz?
Für die Schulbildung müssen wir uns unbedingt davon lösen, dass Informatik als Medienkompetenz verstanden und unterrichtet wird. Informatik heisst auch nicht, dass ich mit einer Office-Software umgehen kann – dies sind elementare Fähigkeiten ähnlich wie Rechnen und Schreiben und werden zum Beispiel vom Europäischen Computer-Führerschein abgedeckt.
Informatik heisst, Probleme zu lösen, und kann hervorragend mit Materialien wie den Knobelaufgaben aus dem Informatikwettbewerb für Kinder und Jugendliche "Informatik Biber" unterrichtet werden.
 
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