Die Verkäuferin im Dorfladen, der Pflegefachmann im Seniorenheim, die Informatikerin im Grosskonzern – werden sie alle in Zukunft durch KI ersetzt? Eine Umfrage von Deloitte ergab, dass 43 Prozent der befragten Arbeitnehmenden befürchten, durch KI ihre Stelle zu verlieren. Diese Angst nimmt zu – und das nicht ganz unberechtigt: «KI-Technologien erledigen schon heute eine Auswahl an kognitiven Aufgaben präziser, schneller und fehlerfreier als wir Menschen», erklärt Sonja Angehrn, Dozentin für KI und Machine Learning am ICAI Interdisciplinary Center for Artificial Intelligence der
OST – Ostschweizer Fachhochschule.
Was KI (nicht) gut kann
«Wenn wir von KI sprechen, dann meinen wir meistens sogenannte schwache KI-Technologien», erklärt Angehrn. Schwache KI-Systeme und -Anwendungen sind auf eine bestimmte Aufgabe trainiert, etwa darauf, das Wetter vorherzusagen oder ein Auto zu navigieren. Dazu gehört auch generative KI wie ChatGPT oder Dall-E, die darauf trainiert ist, Inhalte wie Texte und Bilder zu generieren. «Standardisierte kognitive oder manuelle Aufgaben, die immer ähnlich und nach bestimmten Regeln ausgeführt werden, können von dieser KI übernommen werden», weiss die Kursleiterin des MAS Artificial Intelligence an der OST. Auch einfache Datenerfassung und -verarbeitung sowie standardisierte Kundinnen- und Kundeninteraktionen könne KI mittlerweile problemlos ausführen.
Was diesen Technologien jedoch fehlt, ist ihre Anpassungsfähigkeit. Sie können also nicht einfach Aufgaben lösen, für die sie nicht trainiert wurden. Hinzu kommen fehlende menschliche Fähigkeiten wie Urteilsvermögen, Kreativität und emotionale Intelligenz. Deshalb betont der Future of Jobs Report des Weltwirtschaftsforums (WEF), dass vor allem Berufe, in denen diese Fähigkeiten benötigt werden, nicht durch KI ersetzt werden können. «Tatsächlich wird ein Wachstum in diesen Bereichen erwartet, was zeigt, dass menschliche Arbeit weiterhin relevant und unverzichtbar bleibt», zeigt das WEF auf. Ob das auch in Zukunft so sein wird, bleibt unklar. Denn die sogenannte starke KI, die alle menschlichen Fähigkeiten besitzt, gibt es noch nicht.
66 Prozent der Jobs werden in Zukunft durch KI unterstützt
Bei den Auswirkungen von KI auf die Arbeit unterscheidet man Automatisierung (engl. Automation) und Ergänzung (engl. Augmentation). Wenn eine Aufgabe durch eine Maschine komplett ausgeführt werden kann, ist damit die Automatisierung gemeint. Laut einer Studie von Accenture sind davon besonders administrative Jobs betroffen. Zudem kann fast die Hälfte der Software-Entwicklung und -Analyse automatisiert werden. «In der Schweiz geht man davon aus, dass dadurch rund acht Prozent der Jobs teilweise oder ganz wegfallen», zitiert Angehrn eine Studie der Implement Consulting Group.
Unter Augmentation versteht man, dass KI den Menschen bei seiner Arbeit unterstützt oder ergänzt. Die Studie geht davon aus, dass dies bei 66 Prozent der Arbeitsplätze der Fall ist. Im Gesundheitswesen zum Beispiel lässt sich laut Angehrn zwar wenig automatisieren, doch sieht sie grosses Potenzial in der Augmentation durch KI. «KI kann etwa den Bericht der Ärztin automatisch transkribieren oder Röntgenbilder für den Radiologen vorscannen und ihn auf Auffälligkeiten aufmerksam machen», erklärt die Dozentin.
Von der KI-Risikoanalystin bis zum KI-Ethikbeauftragten
Die Menschen hätten schon immer Angst vor neuen Technologien gehabt, so Angehrn. «Die Geschichte hat aber gezeigt, dass neue Technologien immer mehr Jobs geschaffen als vernichtet haben.» KI eröffne also auch neue berufliche Perspektiven. Die KI-Risikoanalystin etwa könnte künftig die spezifischen Risiken neuer KI-Systeme für Unternehmen bewerten. Der Chief AI Officer wäre für die sichere und verantwortungsvolle Implementierung und Überwachung von KI-Systemen im Unternehmen verantwortlich. Für die Identifikation und (Weiter-)Entwicklung neuer KI-Anwendungen respektive KI-Produkte in einem Unternehmen wäre die KI-Produktmanagerin zuständig. Und der KI-Ethikbeauftragte würde neue KI-Systeme aus ethischer Sicht des Unternehmens bewerten und diese für die Entwicklung freigeben.
Neue Möglichkeiten dank Upskilling und Reskilling
Die Dozentin für KI und Machine Learning rät Führungspersonen, sich mit den Grundlagen von KI auseinanderzusetzen. «So können sie fundierte Entscheide treffen, welche KI-Anwendungen im Unternehmen von Nutzen sind und wo KI eingesetzt werden kann.» Zentral sei auch eine transparente und offene Kommunikation mit den Mitarbeitenden. «Dadurch kann verhindert werden, dass Unsicherheit und Angst um den Job im Unternehmen die Stimmung und Produktivität belasten», zeigt Angehrn auf. Zudem können die Kompetenzen der Mitarbeitenden an die Bedürfnisse der neuen KI-unterstützen Arbeitswelt angepasst werden. Hierbei spricht man auch von Upskilling: Die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter lernt neue Fähigkeiten, um die Arbeit mithilfe von KI effizienter zu machen und nach wie vor die eigene Expertise einbringen zu können. «Arbeitnehmende sollten neugierig und interessiert bleiben, Erfahrungen mit neuen KI-Technologien sammeln und allenfalls auch für ein sogenanntes Reskilling bereit sein», betont Angehrn. In Reskilling-Programmen werden Mitarbeitende umgeschult und können dadurch auf andere Positionen im Unternehmen vorbereitet werden.
Die Autorin
Nora Lüthi arbeitet als Fachverantwortliche Medien in der zentralen Kommunikation der
OST – Ostschweizer Fachhochschule. Die Weiterbildungsorganisation der OST bietet über 35 Weiterbildungen im Bereich Informatik und über zehn Weiterbildungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz an. Das Angebot wird fortlaufend weiterentwickelt und deckt Bereiche von Software Engineering über Artificial Intelligence bis hin zu AI-Driven Cybersecurity ab.