CIO-Interview: «Dem Cloud-Trend können auch wir uns nicht verschliessen»

CIO-Interview: «Dem Cloud-Trend können auch wir uns nicht verschliessen»

10. Dezember 2022 - Die Digitalisierung schreitet im Schweizer Gesundheitswesen mancherorts eher gemächlich voran. Nicht so bei Swica, und dies obwohl CIO Fabian Ringwald und sein Team sich erst jetzt so richtig auf den Weg in die Cloud machen.
Artikel erschienen in IT Magazine 2022/12
CIO-Interview: «Dem Cloud-Trend können auch wir uns nicht verschliessen»
Fabian Ringwald leitet als CIO das Departement IT bei Swica. (Quelle: Swica)
"Swiss IT Magazine": Herr Ringwald, während der Recherchen für unser Interview habe ich bemerkt, dass Sie ein Twitter-­Konto besitzen und dort auch ziemlich aktiv sind. Erlauben Sie mir deshalb zuerst eine persönliche Frage: Wie stehen Sie zu den aktuellen Entwicklungen rund um den Kurznachrichtendienst? Und zu Elon Musk?
Fabian Ringwald:
Ich sehe die Entwicklung kritisch. Twitter hat eine sehr grosse Anzahl Nutzerinnen und Nutzer. So ein Dienst sollte nicht von einem einzelnen Menschen, der eine für mich manchmal unverständliche Vorstellung von Demokratie hat, gesteuert werden. Gleichzeitig müssen wir so etwas als Gesellschaft und User bis zu einem gewissen Mass aushalten. Wir können durch die sichtbare Vertretung unserer Werte ein Gegengewicht geben.

Wir teilen heute privat freiwillig viele Daten mit Grosskonzernen wie Twitter, aber auch Meta, Microsoft, Google oder Apple, darunter immer mehr Gesundheitsdaten – Stichwort Smartwatches und Fitness Tracker. Wenn es aber um Themen wie das elektronische Patientendossier (EPD) geht, dann wird es auf einmal schwierig. Wie beurteilen Sie diese Situation?
Hier schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Der passionierte Digitalisierer in mir fragt sich, warum wir uns da so viele Steine in den Weg legen. Wir könnten ­einen riesigen Nutzen aus Lösungen wie einem gut funktionierenden, breit unterstützten EPD ziehen. Gleichzeitig verstehe ich, dass es einen Unterschied macht, ob wir einem Staat oder einem Unternehmen etwas anvertrauen. Den Dienst des Unternehmens kann ich nach Belieben wieder kündigen. Wenn ich zum Beispiel aufhöre, Twitter zu nutzen, habe ich eine gewisse Chance, dass meine Daten dort umgehend gelöscht werden. Aus einem staatlichen Gebilde kann ich mich schwerer vollständig zurückziehen. Nun ist die Schweiz aber eine der fortschrittlichsten Demokratien der Welt mit klaren Grenzen staatlicher Macht und einem guten Menschenbild: Wo, wenn nicht hier, können wir unseren Institutionen also den nötigen Vertrauensvorschuss gewähren?

Bleiben wir noch etwas beim EPD. Hier gab es zuletzt, sagen wir mal, nicht nur positive Schlagzeilen. Das stärkt das Vertrauen in eine solche Lösung natürlich nicht.
Ich gehöre vermutlich zur ganz, ganz kleinen Minderheit mit genügend digitaler Neugier und Interesse am Gesundheitswesen, die sich ein EPD eröffnet hat. Es war die reinste Odyssee, bis dieses Ding aufgeschaltet war und die reduzierte Funktionalität letztendlich eine riesengrosse Enttäuschung. Ich will den Betreibenden oder Entwicklerinnen und Entwicklern aber in keiner Weise einen Vorwurf machen: Wir haben als Gesellschaft die falschen Rahmenbedingungen geschaffen und es war schlicht nichts anderes möglich als das, was nun vorliegt. Unser föderales System steht im Zielkonflikt zu eher national wirksamen Ansätzen. Gleichzeitig war das Verständnis für Digitalisierung zu der Zeit, als die Anforderungen an das EPD definiert wurden, noch ein ganz anderes. Deshalb ist es mehr als nachvollziehbar, dass sich die Anwendung heute nicht State of the Art anfühlt. Wir sollten aber nicht länger in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft schauen. Die Chancen stehen gut, dass wir bald einen funktionierenden Weg beschreiten werden.
Das wäre bestimmt auch im Sinne von Swica. Ein EPD würde für einen Krankenversicherer und für seine Kunden einige Vorteile bringen.
Absolut. Ein EPD wäre aus unserer Sicht sehr vorteilhaft. Hier muss man unterscheiden: Welche Daten wollen und dürfen wir aus Datenschutzgründen als Krankenversicherung überhaupt haben? Und welche Daten liefern wir selbst ein und könnten so einen Mehrwert stiften - zum Beispiel Policen oder andere Informationen zu unseren Versicherten. Gleichzeitig sind wir nicht nur eine Krankenversicherung, sondern verstehen uns als Gesundheitsorganisation und sind beispielsweise Leistungserbringer im telemedizinischen Bereich. Wir erbringen also medizinische Dienstleistungen aus der Ferne, digital unterstützt. Selbstverständlich wäre es spannend, die dabei gewonnenen Informationen über ein EPD mit weiteren Stellen zu teilen – insbesondere, wenn die telemedizinische Beratung durch einen physischen Arztbesuch ergänzt wird. Es gäbe also aus Sicht einer Gesundheitsorganisation einige interessante Anwendungsfälle, von denen unsere Versicherten profitieren könnten.

Ein Thema sind hierzulande auch immer wieder die steigenden Gesundheitskosten. Welchen Beitrag zur Senkung dieser Kosten könnten Lösungen wie die angesprochenen, könnte die IT leisten?
Solche Lösungen sind ein wichtiger Baustein für eine integrierte Versorgung. Im Gesundheitswesen haben wir es mit vielen Partikularinteressen zu tun, die nicht ideal aufeinander abgestimmt sind. Durch einen besseren Datenaustausch und eine bessere Vernetzung von Informationen sowie mehr Transparenz im Sinn der Versicherten könnten wir beispielsweise viele Doppelerfassungen vermeiden. Wenn wir also besser zusammenarbeiten könnten, würde sich das vermutlich kostendämpfend auswirken. Was die Gesundheitskosten betrifft, gibt es aber ein weitaus grösseres Problem. Wir gehen als Konsumentinnen und Konsumenten nicht sparsam mit dieser Ressource um. Es gibt Werkzeuge wie die Franchise, die meiner Beobachtung nach zu wenig wirken und es gibt kaum weitere Anreize, etwas an unserem Konsumverhalten zu ändern. Dies ist menschlich und individuell sehr nachvollziehbar, als Gesamtsystem aber schwierig.

Apropos Kosten: Die IT dürfte bei ­einem Krankenversicherer wie Swica nur ein kleiner Ausgabenposten sein - oder täusche ich mich da?
Wenn man die Gesamtkosten oder das Prämienvolumen ansieht, das in die Milliarden geht, sind die IT-Kosten sicher vernachlässigbar. Nichtsdestotrotz ist Digitalisierung nicht gratis. Das ist wichtig zu verstehen und es ist immer gut zu überlegen, wo ich wann welchen Nutzen schöpfe. Wir können für unsere Versicherten durch unsere Telemedizin beispielsweise die langen Wartezeiten in Praxen reduzieren. Oder Familien mit kleinen Kindern unter Umständen den Weg zum Kinderarzt oder zur Kinderärztin ersparen. Die Ärztinnen und Ärzte wiederum freuen sich über weniger überfüllte Praxen und weniger Patientinnen und Patienten mit einfachsten Themen, die sich auch aus der Ferne lösen lassen. So profitiert das ganze System, Kundinnen und Kunden, Leistungserbringende und Beitragszahlende. Und für uns lohnt sich das somit auch.
 
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