Preis-Leistungs-Unfall
Quelle: Logitech

Logitech Zone Wireless 2

Preis-Leistungs-Unfall

Das Logitech Zone Wireless 2 ist ein Telefonie-Headset für 400 Franken. Fragwürdig ist nicht nur der Preis, wie der Test zeigt – auch beim Design hapert es gehörig.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2023/12

     

Logitech hat das neue Business-Headset Zone Wireless 2 lanciert. Normalerweise wäre das kaum einen Test wert – Headsets gibt’s schliesslich wie Sand am Meer –, aber ein Fakt hat uns definitiv aufhorchen lassen: Der Preis von satten 399 Franken. Darf ein Headset so teuer sein? Denn, Hand aufs Herz: Kauft man seinen Mitarbeitern nicht lieber ein reguläres 50-Franken-Modell und investiert den Rest in andere nette Mitarbeiter-Goodies? Daher, nur schon der Transparenz zuliebe: Ja, wir haben uns für diesen Test vom Preis ködern lassen.


Die Versprechen für die happige ­Investition sind wiederum vollmundig: Tolle Audioqualität, hochwertige Verarbeitung, Tragekomfort, Zertifizierung für die meisten gängigen Kommunikationsplattformen (Teams, Google Meet/Voice und Zoom), Fast-Pair-Kompatibilität, und nicht zuletzt einige KI-Features. Letztere betreffen erstens Noise Cancelling, zweitens die Geräuschunterdrückung der eigenen Hintergrundgeräusche und schliesslich auch noch ein Feature namens Advanced Call Clarity, mit dem sogar Hintergrundgeräusche beim Gegenüber rausgefiltert werden sollen. Das soll auch Calls in lärmigen Grossraumbüros oder im Home Office bei Kindergeschrei, Hundegebell oder Staubsaugerlärm ermöglichen.

Klang auf Premium-Level

Der Lieferumfang ist im positiven Sinn knapp: die recht hübsch gestalteten Headphones, USB-C-Dongle (inkl. USB-A-­Adapter), Ladekabel und eine Tasche zum Transport. Die Einrichtung des Headsets geht nach der Installation der Geräteverwaltungs-Software Logi Tune einfach per Plug and Play von der Hand, was auch auf die Einrichtung auf dem Smartphone zutrifft. Logi Tune erlaubt auf PC und Smartphone neben Firmware-­Updates zahlreiche Einstellungen und bedient sich gewohnt gut und einfach.

Aufhorchen liess uns der erste Soundcheck: Das Zone Wireless 2 klingt wirklich hervorragend. Alle Frequenzen sind schon per Default sinnvoll konfiguriert, von Stimmen bis hin zu tiefen Bässen ist das Hörerlebnis aussergewöhnlich gut. Und auch die (bei anderen Headphones oft unbrauchbaren) Equalizer-Voreinstellungen sind für einmal vernünftig eingestellt. In puncto Klangqualität muss sich das neue Logi-Headset nicht verstecken. Gleiches gilt auch für das Mikrofon: Die Aufnahmequalität entspricht dem hohen Anspruch an das Gerät.


Auch gibt’s ein paar nette Spielereien und Extras. Beim Zone Wireless 2 gibt es beispielsweise kein rechts oder links, die Kopfhörer passen sich automatisch an. Dafür muss nur einmal das Mikrofon nach vorne geklappt werden und der Kopfhörer versteht sofort, welche Seite die richtige ist und stellt entsprechend um. Weiter ist eine gut funktionierende Touch-Steuerung mit an Bord. Auch wird das Headset automatisch stummgeschaltet, wenn es abgelegt wird. Einziges Problem: Wenn die Ohrmuschel mal verrutscht (was oft passiert, dazu gleich mehr), setzt die Stummschaltung auch beim Zurechtrücken von Zeit zu Zeit mal ein. Dazu kommt, dass das Un-Muting nicht immer zuverlässig klappt – etwas ärgerlich.

On- statt Over-Ear

Typisch für Telefonie-Headsets, aber eher unüblich für Premium-Kopfhörer, ist, dass das Zone Wireless 2 mit On-Ear- statt Over-Ear-Ohrmuscheln daherkommt. Die Polster umschliessen das Ohr also nicht, sondern liegen auf. Das mag man oder halt eben nicht. Das Design ist aber gewissermassen folgenschwer: Denn der Sound macht riesig Spass – bis man das Gerät zu spüren beginnt. Mit 230 Gramm ist das Zone Wireless 2 zwar nicht unbedingt schwer, aber auch kein Leichtgewicht. Dieses Gewicht sollte für die Langzeitnutzung also dringend kuschlig auf dem Kopf aufliegen. Tut’s aber nicht – der Bügel ist überraschend hart und nicht besonders komfortabel. Verschlimmert wird dies durch die erwähnte On-Ear-Ausführung, denn so nehmen keine festsitzenden Polster das Gewicht vom Bügel. Im Prinzip ruht also das volle Gewicht auf dem Schädel. Und hier wird’s nach längerem Einsatz unangenehm und es entsteht ein Druckpunkt am Kopf.


Auch hat das Over-Ear-Design den Effekt, dass das Headset nicht besonders gut sitzt, sondern eben nur aufliegt. Das führt im Fall des Zone Wireless 2 nicht nur dazu, dass man (trotz wuchtigen Gitarrenriffs und satten Bass-Lines) nicht Headbangen kann – es reicht nicht mal wirklich, den Kopf nach vorne zu neigen, ohne die Kopfhörer festhalten zu müssen. Mit gesenktem Kopf auf den Tisch runter schauen, um etwas zu zeichnen oder ein Dokument genauer zu begutachten, geht nicht. Denn nach der kleinsten Kopfbewegung liegt das Zone Wireless 2 vor einem auf dem Schreibtisch.

Software und Noise Cancelling

Spannend sind beim Zone Wireless 2 aber mit Sicherheit die KI-Funktionen fürs Noise Cancelling. Das reguläre Active Noise Cancelling (ANC) ist in zwei Stufen verfügbar und funktioniert nicht schlecht. Beim Filtern von Geräuschen durch das eigene Mikrofon hingegen gerät das Zone Wireless 2 an seine Grenzen. Läuft etwa ein Staubsauger oder haut man gehörig in die Tasten während der Aufnahme, schneidet die KI auch mal Geräusch­fetzen aus der Aufnahme, die eigentlich reingehören würden. Damit nimmt auch die Qualität der Stimme merklich ab, wenn stärkere Hintergrundgeräusche gefiltert werden müssen.

Weiter wird Advanced Call Clarity geboten – gemeint ist damit das Herausfiltern von Störgeräuschen beim Gegenüber. Tatsächlich macht dies den Hintergrundlärm beim Gesprächspartner leiser, aber es ergibt sich dasselbe Problem wie eben schon: Die Stimme des Gegenübers wird teilweise mitgefiltert und die Qualität nimmt deutlich ab.


Hierzu eine nicht unwichtige Anekdote aus dem Test: Wir haben mit Microsoft Teams getestet und haben erst – auch bei ausgeschalteter Advanced Call Clarity – keine Hintergrundgeräusche gehört, egal wie fest sich der Gesprächspartner angestrengt hat, Lärm zu machen. Dies aber dank dem Rausch-Filter von Teams selbst, den wir zuerst deaktivieren mussten, um das Feature überhaupt testen zu können. Die meisten modernen Kommunikationslösungen haben heute eine solche Funktion, es gibt damit in der Zeit der durchdachten UCC-Software auch keine Notwendigkeit für dieses Feature in Headsets.

Pendlertauglich? Fehlanzeige.

Jemand beschliesst also, 400 Franken für einen Kopfhörer auszugeben. Daran ist soweit nichts auszusetzen, gewisse Menschen mögen Sound in Premium-Qualität und das soll ihnen vergönnt sein. Und es spricht ebenfalls nichts dagegen, dass man sich ein Headset zulegt, mit dem man Telefonieren kann und das gleichzeitig für den Musikgenuss taugt, statt zwei Kopfhörer rumliegen zu haben. Damit stellt sich aber die Frage: Taugt das Zone Wireless 2 auch für den Gebrauch im Alltag?

Hier bietet sich der Vergleich mit einem anderen teuren Mainstream-Kopfhörer an: Denn allein schon die runde Designsprache, die Gestaltung der Teleskop-Mechanik mit dem Stäbchen zwischen Bügel und Ohrmuschel und nicht zuletzt der Preis erinnern an Apples Wireless Over-Ear-Kopfhörer Airpods Max. Ja, dieser kostet nochmal 100 Franken mehr, hat aber genau diesen Use Case berücksichtigt: Es ist ein Premium-Produkt, das für alle Anwendungsfälle – Arbeit, Pendlerverkehr und Freizeit – konzipiert ist.


Wir sind der Ansicht, dass man das Zone Wireless 2 mit ähnlichen Ellen messen muss. Denn 400 Franken für ein reines Telefonie-Headset auszugeben, halten wir schlicht für absurd. Logitech bewirbt diese Einsatzgebiete auserhalb des Büros zwar nicht offensiv, aber unterschwellig: So heisst es bezogen auf das Noise Cancelling etwa, dass man die höhere der beiden Noise-Cancelling-Stufen für den Arbeitsweg nutzen solle.

Das scheitert aber vorerst schon mal am erwähnten Tragekomfort und dem wenn überhaupt akzeptablen Sitz des Modells auf dem Kopf. Zum totalen Rohrkrepierer wird der Wunsch nach der Mehrfachnutzung spätestens dann, wenn man realisiert, dass sich der Mikrofonbügel nicht abnehmen lässt. Bei anderen Headsets aller Preisklassen gehört das heute zum Standard. Und Logitech selbst hat (beispielsweise mit dem einklappbaren Mic beim Zone Vibe) schon bewiesen, dass man diese Überlegung durchaus bereits angestellt hat. Nicht so beim Zone Wireless 2: Das Mikrofon bleibt dran, Punkt. Damit will ehrlicherweise niemand beim Pendeln rumlaufen, zumal das nicht nur doof ausschaut, sondern auch in verschiedenen Situationen recht unpraktisch ist.

Nicht zu Ende gedacht

Wir haben das Zone Wireless 2 eine Weile genutzt und können mit gutem Gewissen sagen: Wirklich tauglich ist es, wenn überhaupt, nur fürs Büro. Die Handhabung als Büro-Headset ist recht gut, die Software macht, was sie soll, und die Qualität der Hardware und des Sounds sind zweifelsohne hervorragend.

Aber für viel mehr taugt es nicht. Wer das Headset den ganzen Tag nutzen will, spürt irgendwann die Druckstelle auf dem Kopf. Wer für seine Arbeit auch mal nach unten schauen oder sich bewegen soll, muss das Zone Wireless 2 immer mal wieder festhalten. Und wer es abseits des Bürotischs nutzen will, muss mit dem fest fixierten Mikrofon-Arm leben.


Für alles ausser der kurzzeitigen Nutzung am Bildschirm in potenziell lärmigen Büros und den Kauf eines Statussymbols raten wir vom Zone Wireless 2 ab. Dass das Gerät dermassen teuer ist, macht das Urteil komplett, dass es sich hier um ein scheinbar nicht fertig gedachtes Produkt handelt, mit dem man zahlungsfreudiges Publikum ködert.

Fazit

Mit dem Zone Wireless 2 bekommt man von Logitech ein Headset mit enorm hohen Klang-Niveau, was vor allem die Ausgabe-, aber auch die Aufnahmequalität betrifft. Und auch die KI-Funktionen haben ihren Reiz, sind aber teilweise völlig überflüssig. Dass dieses Premium-Produkt 400 Franken wert sein soll, sehen wir nicht. Spätestens wenn man berücksichtigt, dass es für den Gebrauch im Alltag völlig untauglich ist, wird das Preis-Leistungs-Verhältnis unterirdisch.

Positiv
+ hervorragende Sound-Qualität
+ Noise-Cancelling-KI-Features
+ nette Extras und Spielereien


Negativ
- wenig Komfort bei Langzeitnutzung
- schwache Sitzfestigkeit
- kein abnehmbares Mikrofon
- Preis

Hersteller/Anbieter
Logitech

Preis
399 Franken

Wertung
Funktionalität 4 von 6 Sternen
Bedienung 3 von 6 Sternen
Preis/Leistung 1 von 6 Sternen
Gesamt 2,5 von 6 Sternen

Kommentare
Logitech dürfte eine typische Abzockmarke geworden sein. Vor allem die Attribute "Gaming" und "Business" kann man als Synonym für "irrsinnig teuer" verwenden. Dafür gibts immer schlechtere Ware, die Tastaturen sind ein deutliches Beispiel. Knapp 50€ für eine Tastatur mit Gummimatte sind schon eine Unverschämtheit heutzutage, aber dann als "Gaming" verkauft, obwohl nicht eine einzige G Taste drauf ist (stattdessen eine Software, die so schwachsinnig ist, dass ich nichtmal mehr die F Tasten verwenden kann, wenn ich NICHT spiele, da die Makros permanent aktiviert sind).
Dienstag, 26. Dezember 2023, SRC



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