CIO-Interview: «Selbst Apple staunt, was wir auf den iPads alles machen»

von Marcel Wüthrich

29. Februar 2020 - René Vogel, IT-Leiter beim Schweizerischen Nationalmuseum, ist mit seinem Team nicht zuletzt auch für die interaktiven Komponenten in den Ausstellungen verantwortlich. Dabei setzt er stark auf Apple.

Swiss IT Magazine»: Ein Rechner an der Kasse und ein paar PCs für die Administration – viel mehr IT dürfte in einem Museum nicht nötig sein, oder liege ich falsch?
René Vogel:
Damit liegen Sie sogar ziemlich falsch. Im Wesentlichen betreut das IT-Team des Schweizerischen Nationalmuseums zwei Bereiche: Zum einen kümmern wir uns um eine klassische Büroautomation mit rund 340 Clients, die im Einsatz stehen. Dieser Teil macht rund die Hälfte unserer Arbeit aus. Die andere Hälfte befasst sich mit Inhalten respektive Systemen für unsere Ausstellungen, wozu auch die Kassen- und Ticketing-Systeme gehören.

Ich möchte zuerst ein wenig über die klassische IT sprechen. Können Sie ausführen, wie diese im Wesentlichen aufgebaut ist?
Wir haben das Thema Virtualisierung sehr früh aufgenommen und umgesetzt. Das ermöglicht es uns, unsere Infrastruktur weitgehend inhouse zu betreiben. In der Cloud laufen bei uns einzig gewisse Backup-Stand-by-Systeme, die im Worst Case zum Einsatz kämen. Dass wir die IT inhouse betreiben, ist ein sehr bewusster Entscheid.

Weshalb?
Es geht dabei primär um das Thema Sicherheit.

Sie haben die 340 Clients sowie den hohen Virtualisierungsgrad angesprochen. Welche Eckpfeiler ihrer IT sind sonst noch erwähnenswert?
Erwähnenswert im Zusammenhang mit den Clients ist sicherlich, dass wir unseren Mitarbeitern mittels Virtual Desktops Home Office ermöglichen. Dann unterhalten wir mehrere kabellose Netzwerke. So unterhalten wir ein WiFi-Netz für die Mitarbeiter als Ergänzung zum kabelgebundenen Netz, über das von überall her auf die gesamte Infrastruktur zugegriffen werden kann. Weiter bieten wir WLAN-Netze im Zusammenhang mit Vermietungen an – beispielsweise, wenn der Innenhof, ein Sitzungszimmer oder das Auditorium des Landesmuseums Zürich gemietet wird. Und nicht zuletzt gibt es für die Gäste des Museums ein kostenloses WiFi. Dieses ist vor allem aufgrund des Volumens nicht ganz trivial, und als zusätzliche Herausforderung kommt hinzu, dass man die Access Points in der Ausstellung nicht sehen darf.

Wie sieht ihr Team aus, mit dem sie die klassische IT betreuen? Und arbeitet dieses unabhängig von dem IT-Team, das für die Ausstellungen tätig ist?
Im Wesentlichen sind wir nur ein Team bestehend aus acht Mitarbeitern und einem Lehrling, das ich leiten darf. Innerhalb dieses Teams gibt es Mitarbeiter, die hauptsächlich für die Büroautomation tätig sind und solche, die vor allem mit der Museums-IT zu tun haben. Die Aufteilung ist in etwa hälftig.

Sie betreuen mehrere Standorte in der ganzen Schweiz. Welche Herausforderungen bringt das mit sich?
Das ist heute eigentliche keine Herausforderung mehr. Wir betreuen alles vom Standort Zürich aus, und bis auf wenige Ausnahmen können wir alles remote ­machen.

Welchen Bereich ihrer klassischen IT würden Sie denn als besonders herausfordernd bezeichnen?
Storage ist sicher die grösste Herausforderung bei uns im Haus – allein schon aufgrund der Datenmengen, die anfallen. Für eine Ausstellung fallen in der Vorbereitung jeweils sehr grosse Datenmengen an. Noch bevor sie dann eröffnet wird, geht es mit der nächsten Ausstellung weiter, da bleiben nicht selten Datenfriedhöfe zurück. Und für gewisse Datensätze oder digitale Inhalte müssen wir auch Langzeitarchivierung gewährleisten können.

Und wie lösen sie diese Herausforderung?
Letztlich gibt es nur eine Lösung: Die Speicherkapazitäten laufend auszubauen und alte Daten immer wieder auf aktuelle Speichersysteme zu kopieren.

Kommen wir zu den Installationen, die in den Ausstellungen zum Einsatz kommen. Können Sie hier die Rolle der IT beschreiben?
In der Regel ist es so, dass ein Ausstellungsmacher mit einem Szenario oder einer Ausganslage auf uns zukommt und wir uns überlegen, wie wir dieses Szenario mit Hilfe von IT interaktiv gestalten könnten.

Das heisst, die multimedialen Ideen werden von ihrer Abteilung ent­wickelt?
Sehr oft schon, ja.

Ich habe die Installationen, die sie machen, gesehen. Sie müssen das wohl kreativste IT-Team des Landes beschäftigen…
…(lacht) Es ist mit Sicherheit so, dass wir ein sehr kreatives, verspieltes Team sind. In meinem Team finden sich auch nicht nur klassische Informatiker, sondern ich habe Mitarbeiter mit einem künstlerischen Hintergrund oder jemanden mit einer Ausbildung als Fotograf. Gleichzeitig beschäftige ich aber auch einen Softwareentwickler in der Museums-IT. Die meisten Mitarbeiter in meinem Team sind schon lange Jahr bei uns, und auch die Umgebung, in der wir arbeiten, ist eher ausgefallen – ein bisschen wie bei Google, einfach ohne die Kantine und die Rutschbahn.

Wird die Kreativität auch durch eine besondere Führungskultur gefördert?
Förderlich ist sicher, dass wir sehr kurze Entscheidungswege haben und dass wir Raum geben, Dinge auszuprobieren – ich denke, damit schaffen wir die Grundlage. Und wir haben inzwischen auch sehr viel Erfahrung und ein gutes Gespür dafür, was sich in einer Ausstellung in welcher Form umsetzen lässt. Wir sind heute sogar soweit, dass andere Museen oder Ausstellungsmacher auf uns zukommen, weil sie wissen, dass wir viel Erfahrung mit ziemlich kreativen technischen Installationen gemacht haben.

Ist eine Idee einmal entwickelt, werden sie kaum in der Lage sein, alles auch selbst umzusetzen. Wie gehen Sie danach vor?
Für die Umsetzung arbeiten wir mit externen Firmen zusammen. Hier haben wir über die Jahre ein Netzwerk von innovativen Dienstleistern aufgebaut, die uns unterstützen. Dieses Netzwerk erweitern wir auch laufend, typischerweise handelt es sich bei diesen Anbietern eher um kleinere, hoch innovative Unternehmen.


Und wie finden sie heraus, ob ihre Idee bei den Besuchern funktioniert, ob die Besucher eine der technischen Installationen auch bedienen können?
Gewisse Installationen probieren wir mit Testpersonen aus. Bei diesen Testpersonen kann es sich aber durchaus auch um meine eigenen Kinder zuhause handeln, denen ich ein iPad mit einer Installation darauf in die Hand drücke, schliesslich gehören auch Kinder zu unserem Zielpublikum. Und dann können wir auch hier von unserer Erfahrung profitieren, wir wissen inzwischen, was wir den Besuchern zumuten können.

Welche Devices kommen innerhalb der Ausstellung typischerweise zum Einsatz?
Wir haben rund 30 Beamer verbaut – wobei diese Zahl rückläufig ist, weil wir mehr und mehr auf Grossbildschirme setzen. Von diesen finden sich in der Ausstellung aktuell rund 40. Und dann finden sich in den verschiedenen Ausstellungen alles in allem rund 200 iPads und eine Handvoll iPhones. Wir versuchen die Geräte allerdings so zu präsentieren, dass der Nutzer nicht merkt, was im Hintergrund läuft. Das Nutzererlebnis steht im Vordergrund, keinesfalls das Gerät.

Worum setzen sie so stark auf die Apple-Welt? iPads sind nicht die günstigsten Geräte am Markt.
Der Gerätepreis ist kaum relevant und vor allem immer in Relation mit der Lebensdauer der Geräte zu setzen. Entscheidend ist in erster Linie, dass wir auf einen einheitlichen Gerätetyp setzen, um so ein allfällig defektes Gerät umgehend austauschen zu können.

Wie hoch ist denn ihr iPad-Verschleiss pro Jahr?
Extrem klein – es passiert wirklich höchst selten, dass ein Gerät kaputtgeht. Wenn es vereinzelt zu Problemen kommt dann darum, weil es einen Akku aufbläst oder ein Gerät fallengelassen wird. Wir haben für eine Installation auch Tests gefahren mit Android-Tablets – Entwickler-Devices, die die AR-Plattform Google Tango unterstützten. Bei diesen Geräten mussten wir im Wochentakt Displays reparieren und Geräte ersetzen. Nun kommen bei dieser Installation iPhones zum Einsatz, und seit dem Start vor zehn Monaten ist noch kein Gerät ausgestiegen. Verstehen sie mich nicht falsch, das soll kein Lobgesang sein auf Apple und es gibt einige Dinge bei Apple, über die ich nicht glücklich bin – aber die Gerätequalität ist in der Tat unerreicht.

Gibt es weitere Faktoren, die für Apple sprechen? Das offene und flexible Ökosystem wird es kaum sein.
Auch bezüglich Performance der Geräte hat Apple in unserer Erfahrung die Nase deutlich vorne. Ein weiterer wichtiger Punkt ist iOS, das sehr konsistent ist, was Updates angeht. Mit Android-Geräten hingegen gibt es viel mehr Faktoren, die man nicht kontrollieren kann. So läuft man viele eher Gefahr, dass der Besucher mit einem Gerät etwas anstellen kann, das man nicht will. Hier wird die Geschlossenheit der Apple-­Welt zum Vorteil. Kommt hinzu, dass diese Geschlossenheit relativ ist. Wir haben die Plattform extrem weit ausgereizt – selbst Apple staunt, was wir auf den iPads alles machen. Ich kann über eine versteckte Gestensteuerung beispielweise den Akku-Stand abrufen, kann Analytics-Reports hochladen, Inhalte auf unbespielte Geräte per Fingerzeig laden oder Content auf den Tablets austauschen, ohne dass ich das Gerät irgendwo anschliesse. Dies sind nur einige Beispiele, die zeigen: Über die sogenannten Business Applications, die nur für den internen Gebrauch sind und nicht durch den Review-Prozess bei ­Apple müssen, kann man auch auf der iOS-Plattform recht viel erreichen – dann ist das System bei weitem nicht so geschlossen, wie man annimmt. Und nicht zuletzt ist der Aufwand, wenn man etwas für Android entwickeln möchte, in unserer Erfahrung deutlich grösser als bei iOS. Das haben wir zuletzt gemerkt bei der Entwicklung unserer Landesmuseum-App, für die wir kürzlich ausgezeichnet wurden und bei der wir auf Hyperlapse-Videos setzen. Während dies für iOS relativ unproblematisch war, hatten wir respektive unser Partner auf Android enorm mit der Perfomance zu kämpfen.

Werden Sie von Apple unterstützt, gibt es eine enge Zusammenarbeit?
Nein, dazu ist Apple allein viel zu kompliziert im Aufbau und in den Prozessen, und wir sind wohl auch zu klein. Eine gewisse Unterstützung gibt es bei einzelnen Produkten oder Schulungen, und ich habe grundsätzlich einen Ansprechpartner bei Apple Schweiz. Ansonsten sind wir autonom unterwegs, und die Geräte kaufe ich dort, wo sie am günstigsten sind. Es ist eigentlich ganz einfach. Ich habe einen Betrieb, der laufen muss, mit einer Nullfehlertoleranz, was die Verfügbarkeit der Installationen in der Ausstellung angeht. Dazu bin ich auf Geräte angewiesen, die laufen, und darum setzen wir auf Apple.

Können Sie etwas dazu sagen, welche Museums-spezifischen IT-Projekte anstehen?
Leider darf ich hierzu nichts sagen, denn wir versuchen immer auch, unsere Besucher überraschen zu können. Aber es stehen zwei, drei sehr spannende Sachen an, bei denen wir wieder eine Vorreiterrolle einnehmen.

Aber über anstehende klassische IT-Projekte dürfen Sie sprechen?
Natürlich. Hier steht die Erweiterung unserer Storage-Kapazitäten auf der Agenda. Zudem wollen wir unsere Massnahmen im Bereich IT-Security ausweiten, nicht zuletzt was die Sensibilisierung der Mitarbeiter angeht, was ein zunehmend wichtiger Aspekt wird.

Ihr Budget besteht grösstenteils aus Beiträgen der öffentlichen Hand. Ist darum auch der Budgetdruck im Schweizerischen Nationalmuseum grösser als bei vergleichbaren Organisationen?
Im Vergleich mit anderen Organisationen ist unser IT-Budget sicherlich tiefer. Wir kompensieren dies aber mit kurzen Entscheidungswegen und Effizienz. Ein Beispiel: Vor rund zwei Jahren haben wir uns vom Bundesamt für Informatik und Telekommunikation komplett gelöst, und sparen dadurch Geld, weil wir nun alles selber machen. Und ich habe gewisse Freiheiten bezüglich Budget, um Dinge ausprobieren zu können, gerade was die Museums-IT angeht. Innovation würde anders gar nicht funktionieren. Profitieren können wir ausserdem im Bereich Beschaffung von WTO-Ausschreibungen des Bundes, was sicherlich ein Vorteil ist.

Ihr Job ist offensichtlich spannend und auch herausfordernd: Können Sie sich überhaupt vorstellen, dass Sie je einmal in einem anderen Bereich tätig sein werden?
Die Vorstellung ist schwierig. Reizen könnte mich aber sicherlich ein innovatives Unternehmen, das konsequent einen Weg der digitalen Transformation verfolgt oder diesen einschlagen möchte. Die Digitalisierung dort voranzutreiben, wo sie Sinn macht, ist eines meiner Kernthemen – auch hier beim Nationalmuseum.


Zum Unternehmen


Zum Schweizerischen Nationalmuseum gehören das Landesmuseum Zürich, das Forum Schweizer Geschichte Schwyz, das Château de Prangins sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis. Die Museen mit Fokus auf die Schweizer Geschichte besitzen eine Sammlung mit über 860’000 Objekten, hinzu komme eine Bibliothek mit rund 85’000 Einzelpublikationen. Im Jahr 2019 zählten die drei Häuser zusammen knapp über 372’000 Besucher. Insgesamt sind rund 340 Mitarbeitende für das Nationalmuseum tätig.


René Vogel

René Vogel ist Leiter Informatik, stellvertretender Geschäftsführer Museumsbetrieb sowie
Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung beim Schweizerischen Nationalmuseum. Der bald 50-Jährige ist gelernter Elektriker, stieg dann aber rasch bei Noser Engineering in die Informatik ein und übernahm dort innerhalb eines halben Jahres bereits eine leitende Funktion. Fürs Schweizerische Nationalmuseum ist Vogel seit nunmehr 20 Jahren tätig, wobei es in den Anfangsjahren noch kaum IT in den Ausstellungen gab. Die Leitung der IT übernahm er vor gut 18 Jahren. Neben dem Job bildete er sich zudem zum diplomierten Informatiker aus und absolvierte einen MAS in Business Analysis.

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