Start-up Techdistrict: Mit türkischen IT-Teams gegen den Fachkräftemangel

von Marcel Wüthrich

29. Februar 2020 - Während in der Schweiz IT-Fachkräfte händeringend gesucht werden, finden sich in Schwellenländern gut ausgebildete Spezialisten, die nur zu gerne für ein Schweizer Unternehmen arbeiten würden. ­Techdistrict will diese Talente als Outstaffing-Anbieter mit Schweizer Firmen zusammenbringen.

Techdistrict bringt IT-Personal suchende Schweizer Unternehmen mit IT-Talenten aus dem Ausland zusammen – eine Idee, die im Grundsatz aus der eigenen Not entstanden ist, wie CEO und Co-Gründer Levent Künzi erzählt. Künzi war zuletzt COO beim Immobilienmakler Betterhomes und hatte in dieser Rolle laut eigenen Angaben grosse Mühe, IT-Talente für das Unternehmen zu finden. «Entweder haben wir schlicht keine Spezialisten gefunden, und wenn doch, dann waren sie entweder enorm teuer oder zu wenig qualifiziert.» Ein Outsourcing sei nicht wirklich in Frage gekommen, weil er die Systeme im Haus behalten wollte. «Also war ich gezwungen, andere Wege zu finden, und bin auf der Suche nach IT-Talenten nach Tel Aviv, nach Kiev und nach Kairo gereist, um dann letztlich in Kairo ein eigenes Team aufzubauen, dass remote für uns tätig wurde.» Das habe von Beginn weg recht gut funktioniert, auch wenn es zuerst soziokulturell einige Hürden zu überspringen gab, so Künzi. Daraus hat sich dann die Idee entwickelt, das Thema Outstaffing als Start-up anzugehen, und nach zehn Jahren Immobilienbranche gründete Künzi zusammen mit seinem Bruder Adrian und Tech-Entrepreneur Yusuf Berkan Altun im Oktober 2019 Techdistrict mit Sitz in Horgen und einer Niederlassung in Istanbul.


Tausende Talente, strenger Auswahlprozess

Bei dieser Niederlassung in Istanbul – einer Tochtergesellschaft von Techdistrict – handelt es sich um einen Co-Working-Space mit rund 250 Quadratmetern, wo die IT-Spezialisten für ihre Schweizer Arbeitgeber arbeiten. Der Lohn wird dabei – obwohl die Mitarbeiter bei Techdistrict angestellt sind – vom Kunden bezahlt, wobei Künzi verspricht, dass dieser 1:1 an die Arbeitnehmer weitergegeben wird. «Wir behalten keinen monatlichen Anteil, sondern verdienen unser Geld mit einer einmaligen Vermittlungsprovision, die bei 10'000 Franken für das erste IT-Talent und bei 7500 Franken für jeden weiteren Mitarbeiter liegt.» Ausserdem bezahlt der Kunde eine monatliche Gebühr für den Arbeitsplatz seines Mitarbeiters in der Türkei – die zwischen 500 und 750 Franken beträgt. «Dabei handelt es sich allerdings um den Selbstkostenpreis, wir verdienen hierbei nichts und weisen das auch transparent aus.» In dieser Gebühr dabei ist auch ein CTO vor Ort in der Türkei, der die Mitarbeiter managt und auch Ansprechperson für die Schweizer Kunden zu allen menschlichen Fragen ist.

Um die Talente in der Türkei zu finden, arbeitet Techdistrict vor Ort eng mit den renommierten Universitäten zusammen. «Im Grossraum Istanbul mit seinen rund 15 Millionen Einwohnern gibt es acht sehr gute Unis, auf die wir uns bei der Talentsuche beschränken. So stellen wir sicher, dass wir sehr gut ausgebildete Mitarbeiter anstellen können und dass die Qualität stimmt.» IT-Spezialisten, die sich bei Techdistrict bewerben, müssen einen strengen Screening-Prozess durchlaufen. Angestellt wird ein Talent allerdings erst dann, wenn Techdistrict einen Schweizer Kunden hat, der das Talent braucht. «Das Onboarding geht aber recht schnell», so Künzi. «Ab dem Zeitpunkt, ab dem der Kunden uns den Auftrag gibt, ein Talent für ihn an Bord zu holen, dauert es zwei bis maximal fünf Tage, bis wir jemanden präsentieren können – ausser vielleicht bei sehr spezialisierten oder seltenen Profilen, die gesucht werden.» Der Run auf Techdistrict in der Türkei sei riesig. Bereits in den ersten rund vier Monaten hätten sich 1600 Talente registriert. Denn Techdistrict mit seinen Schweizer Kunden ist für türkische IT-Spezialisten ein attraktiver Arbeitgeber – nicht zuletzt darum, weil die Löhne in Schweizer Franken bezahlt werden.


Nicht nur mit Lohnkosten punkten

Ist ein Talent gefunden, kann der Kunde entscheiden, ob er es engagieren möchte oder nicht. Davor habe er selbstredend die Möglichkeit, seinen potenziellen neuen Mitarbeiter – der bis dahin nebst dem Screening mindestens bereits zwei Vorstellungsgespräche mit Techdistrict durchlaufen habe – via Google Hangout auch noch selbst kennenzulernen. Üblicherweise müsse der potenzielle neue Mitarbeiter für den Kunden auch ein Testprojekt abarbeiten, so dass es nach der Anstellung zu weniger Überraschungen kommt – für beide Seiten. Sagen Kunde und Talent danach ja, wird der neue Mitarbeiter wie erwähnt durch Techdistrict Türkei angestellt, und Techdistrict stellt dem Kunden im Rahmen eines Dienstleistungsertrags Rechnung. «Wichtig: Die Vermittlungsprovision wird erst nach 2 Monaten fällig», ergänzt Künzi. «Es gibt also so etwas wie eine Probezeit, und erst wenn der Kunde wirklich zufrieden ist, ist die Provision geschuldet.»

Angestellt ist der IT-Mitarbeiter gemäss türkischem Arbeitsrecht. Allerdings passt Techdistrict gewisse Bedingungen an die Schweiz an. Künzi: «Das bedeutet beispielsweise, dass wir die Kündigungsfrist, die nach türkischem Recht in den ersten zwei Jahren zwei Wochen beträgt, trotzdem auf 30 Tage ansetzen. Oder die Arbeitszeit, die in der Türkei bei 45 Stunden pro Woche liegt, wird auf 42 Stunden festgelegt – so haben wir bei erhöhtem Arbeitsaufkommen noch etwas Reserve.»

Zum Thema Lohn erklärt Levent Künzi, dass dieser stark von der gewünschten Qualifikation abhänge. «Spezialisten, die sehr schwer zu finden oder sehr stark gefragt sind, kennen auch in der Türkei ihren Wert und sind entsprechend teurer», erklärt Levent Künzi. Der Bruttomonatslohn für ein Talent beginne bei rund 1800 Franken und könne bis 6000 Franken hoch gehen. «Damit sind die Löhne in jedem Fall deutlich tiefer als in der Schweiz – bis zu 60 Prozent. Wir wollen aber nicht primär mit den tiefen Lohnkosten Schweizer Kunden gewinnen. Vielmehr geht es uns darum, dass wir Schweizer Kunden, die hierzulande schlicht keine Spezialisten finden oder Flexibilität suchen, eine Option abseits vom Outsourcing bieten. Denn Fakt ist, dass in der Schweiz über 20'000 IT-Jobs ausgeschrieben sind.»


Remote-Arbeit ist eine Herausforderung

Erste Kunden würden wenige Monate nach dem Start von Techdistrict bereits Mitarbeiter in der Türkei beschäftigen. Levent Künzi gibt allerdings offen zu, dass im Moment noch viel Überzeugungsarbeit nötig ist. «Zum einen, weil wir ein Start-up sind, dass sich erst noch beweisen muss. Zum anderen gibt es natürlich auch Vorbehalte, Mitarbeiter remote in der Türkei anzustellen. Unsere grösste Herausforderung aktuell ist, Vertrauen zu schaffen.» Künzi ist es dabei auch wichtig, mit Kunden offen zu kommunizieren. «Ich empfehle beispielsweise ganz klar, fürs erste mit einem Talent zu starten und zu schauen, wie sich das ganze entwickelt, und nicht auf einen Schlag ein ganzes Fünf-Mann-Team anzustellen. Man muss gewisse Erfahrungen sammeln.»

Bezüglich Kundengrösse gebe es weder nach oben noch nach unten Einschränkungen, allerdings empfehle es sich unbedingt, dass der Kunde bereits Erfahrung mit Remotearbeit hat und das Thema von der Geschäftsleitung unterstützt wird. Ebenfalls sei wichtig, dass im Unternehmen jemand beschäftigt ist, der sich um die Remote-Mitarbeiter kümmert. «Den Aufwand, ein Remote-Team aufzubauen, darf man nicht unterschätzen. Die Leute müssen gemanaged werden. Zudem sind oft gewisse Anpassungen an den eigenen Firmenstrukturen nötig. Merken wir, dass die Voraussetzungen bei einem potenziellen neuen Kunden nicht stimmen, dann sagen wir ihm das auch und raten davon ab, über uns einen Remote-Mitarbeiter anzustellen.»


Beratung und Services als weiteres Standbein

Techdistrict ist nicht alleine auf dem Markt unterwegs. Insbesondere in Deutschland gibt es Mitbewerber, die ähnliche Angebote mit Spezialisten beispielsweise in Portugal oder in der Ukraine anbieten. «Wir können gegenüber diesen Mitbewerbern aber mit Swissness punkten – sprich wir bieten Ansprechpartner hier vor Ort und vor allem eine Vertragsbeziehung mit einem Schweizer Unternehmen.»

Zudem möchte Techdistrict dereinst mehr sein als nur ein Outstaffing-Anbieter. «Für einen Kunden, der irgendwann eine Handvoll Entwickler über uns beschäftigt, kann es irgendwann mehr Sinn machen, diese direkt anzustellen und dazu eine Tochtergesellschaft in der Türkei zu gründen. Hierbei möchten wir Unterstützung und Beratung anbieten.» Das beeinträchtige auch nicht das Business von Techdistrict, denn sein Geld verdiene man ausschliesslich mit der Einmalprovision. Vielmehr ist der Beratungsaspekt Teil des Geschäftsmodelles von Levent Künzis Unternehmen, denn der CEO ist sich bewusst, dass Techdistrict nur über die Provision nicht unendlich skaliert. «Wir planen nicht, dereinst Tausende von Entwicklern bei uns zu beschäftigen. Vielmehr sieht unser Businessplan vor, dass der Beratungs- und Serviceanteil künftig einen wesentlichen Teil unseres Geschäfts ausmacht. Und nicht zuletzt geht es uns darum, in den Ländern, in denen wir tätig sind, etwas aufzubauen – mit Coworking-Spaces und einer Community.»

Zu diesen Ländern sollen nebst der Türkei schon bald auch Ägypten und Marrokko gehören – laut Künzi plane man nämlich schon jetzt weitere Hubs in Kairo und Marrakesch. Kunden sucht Techdistrict aktuell ausschliesslich in der Deutschschweiz, ab dem zweiten Quartal 2020 wolle man aber auch in der Westschweiz tätig werden, und ab dem dritten Quartal dann auch in Deutschland. Das Künzi und seine Mitgründer nicht mit der kleinen Kelle anrühren, zeigt sich auch daran, dass Techdistrict mit vier Personen im Sales-Team und den drei Gründern sowie zwei Mitarbeitern in der Türkei – nebst dem CTO noch eine HR-Spezialistin – für ein wenige Monate altes Start-up bereits über eine ansehnliche Anzahl Mitarbeiter verfügt. Dies wirft natürlich die Frage nach der Finanzierung auf. Levent Künzi: «Im Moment sind wir zu 100 Prozent selbst finanziert. Geplant ist, dass wir uns für Investoren öffnen. Allerdings zielen wir nicht auf Venture Capitalists ab, sondern suchen im privaten Netzwerk nach Geldgebern, die entweder als stille Investoren einsteigen oder uns Smart Money zur Verfügung stellen, uns also kritisch hinterfragen.»

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