CIO-Interview: "Der Erfolg der IT steht und fällt mit den Mitarbeitenden"

von Marcel Wüthrich

31. August 2019 - Manfred Götz verantwortet als CIO die IT des global tätigen Industrieriesen Bühler Group. Im Interview spricht er über Innovation, Fachkräftemangel und die Herausforde­rungen, die IoT und die Digitalisierung in der Industrie bringen.

"Swiss IT Magazine": Innovation ist bei der Bühler Group ein grosses Thema. In welchen Bereichen beschäftigt sich das Unternehmen aktuell besonders stark mit dem Thema Innovation?
Manfred Götz: Innovation ist in der DNA der Bühler Group seit 160 Jahren verankert. Unsere Mission lautet denn auch ‹Innovations for a better World›. Aktuell beschäftigt sich Bühler stark mit Themen wie der Reduktion von Energie, Abfall und Wasser in unseren Lösungen für Nahrung und Mobilität, aber auch damit, Nahrungsmittel gesünder machen. Das sind die aktuellen Top-Themen, an denen wir arbeiten.

Welche Rolle spielt hierbei die IT?
Wir sehen die Aufgabe unserer globalen IT darin, dass sie die Effizienz verbessert, mit der das Unternehmen arbeitet, und dass sie hilft, Prozesse zu optimieren und die Qualität unserer Produkte zu verbessern. Daneben soll die IT unseren Kunden auch Mehrwert bringen. Ein Beispiel ist hier das Kundenportal Mybühler, über das wir unseren Endkunden verschiedene Services anbieten. Sie können etwa ihre Maschinenparks einsehen, Ersatzteile direkt bestellen oder Dokumente zu ihren Maschinen herunterladen. Dieses Portal wurde von unseren Mitarbeitenden angestossen. Sie spielen eine wichtige Rolle in unseren Innovationsprozessen.

Können Sie erklären, wie diese Innovationsprozesse ablaufen?
Generell gibt es strukturierte Innovationsprozesse in unseren verschiedenen Business Areas. Uns ist es allerdings wichtig, alle Mitarbeitenden in diesen Prozess einzubinden. Darum veranstaltet unsere Corporate Technology alle zwei Jahre weltweit einen grossen Innovationswettbewerb, an dem alle Mitarbeitenden die Möglichkeit haben, Ideen einzubringen – sei dies was Produkte, Abläufe oder anderes angeht. Bei der letzten Durchführung haben sich mehr als die Hälfte aller Mitarbeitenden daran beteiligt, haben Ideen eingebracht oder bewertet.

Das Thema Digitalisierung spielt in der Maschinenindustrie eine zunehmend grosse Rolle. Können Sie Beispiele machen, wie Ihre Technologien um digitale Services angereichert werden?
Grundsätzlich lautet unsere Strategie, möglichst all unsere Maschinen und Anlagen ans Internet anzubinden, um die generierten Daten in der Cloud zu sammeln und sie so analysieren zu können. Aus diesen Analysen entstehen dann neue Services, die auf die Verbesserung der Performance oder der Reduktion des Energieverbrauchs der Anlage abzielen, aber auch auf die Steigerung der Qualität des Endprodukts. Zudem spielt das Thema Predictive Maintenance eine grosse Rolle. Wenn wir über die gesammelten Daten sehen, dass eine Walze nicht mehr rund läuft und diese proaktiv ausgetauscht werden kann, bringt das natürlich eine grosse Verbesserung für den Endkunden, da seine Maschine nicht Gefahr läuft, stillzustehen.

Allerdings ergeben sich durch diese Digitalisierung auch neue Herausforderungen, etwa bei der Datensicherheit.
Die Security-Thematik ist allgemein eine grosse Herausforderung in der heutigen Zeit. Bereits in der internen Informatik sind wir mit dem Thema Sicherheit schon sehr intensiv beschäftigt, und mit IoT kommt nochmals eine komplett neue Dimension dazu. Mussten wir bislang "nur" die IT-Security der Welt von Bühler sicherstellen, ist es nun nötig, auch die Daten der Anlagen unserer Kunden in der Cloud sowie auf dem Weg dorthin sicher zu machen. Diese Herausforderung ist gross. Das ist auch der Grund dafür, dass wir uns zusammen mit der Geschäftsleitung entschieden haben, systematisch ein Information Security Management System aufzubauen und nach ISO 27001 zertifizieren zu lassen – und zwar für IT- und IoT-Sicherheit, aber auch für das Thema Automation von Maschinen und Anlagen grundsätzlich. Denn diese Themen spielen mehr und mehr zusammen.

Wir haben über IoT-Dienste wie Predictive Maintenance gesprochen. Wie muss ich mir die Entwicklung dieser Dienste vorstellen?
Wir haben uns entschieden, eine zentrale IoT-Plattform aufzubauen, deren Entwicklung nicht direkt von der IT, sondern von unserem Chief Technology Officer (CTO) getrieben wird. Wir von der IT unterstützen die Plattform, was die Themen Operations und Security angeht. Die Plattform wird zentral bereitgestellt, und die einzelnen Business Areas haben dann die Aufgabe, ihre Services darauf zu entwickeln, denn sie kennen ihre Maschinen und ihre Lösungen am besten. Letztlich sind IoT-Services ja vor allem eine Erweiterung der Produktentwicklung, um Mehrwert für den Kunden zu generieren.

Bühler pflegt eine enge Partnerschaft mit Microsoft. Können Sie die Hintergründe hierzu ausführen?
Strategische Partner sind für Bühler sehr wichtig. Mit Microsoft verbinden uns zwei grosse Themen. Zum einen haben wir unsere IoT-Plattform basierend auf Azure IoT Services aufgebaut, zum anderen setzen wir auf Office 365 als globale Kommunikations- und Collaboration-Plattform, die von heute 12’000 Mitarbeitenden an über 100 Standorten genutzt wird. Gerade das Thema Collaboration ist bei Bühler ein zentraler Aspekt, sei dies in der Forschung und Entwicklung oder auch in Kundenprojekten, wo meist standortübergreifend gearbeitet wird.

Beim Thema IoT-Cloud hätte es durchaus Alternativen zu Microsoft gegeben. Warum der Entscheid für Microsoft?
Die Evaluation für eine einheitliche IoT-­Cloud wurde vor knapp drei Jahren durchgeführt. Damals haben wir uns alle grossen Player angeschaut. Für Microsoft gesprochen hat dann unter anderem das grosse und gut ausgebaute Partnernetzwerk. Zudem haben auch die kommer­ziel­len Aspekte gepasst.

Können Sie die weiteren Eckpfeiler Ihrer IT-Infrastruktur umschreiben?
Wie erwähnt, betreuen wir intern über 100 Standorte und 12’000 Arbeitsplätze, und zwar zentral vom Center of Competence, das aus Uzwil und Bangalore besteht. Alle IT-Services werden aus zwei zentralen Datacenter erbracht. Diese standen bis vor kurzem in Uzwil, wurden vor einigen Monaten aber in zwei Colocation-Center bei Equinix und Interxion in Zürich ausgelagert, was sicherlich eine grosse Risikominimierung für uns darstellt. Dann haben wir bereits vor mehr als zehn Jahren damit begonnen, die weltweite IT-Infrastruktur zu standardisieren. Es gibt somit heute ein globales Netzwerk, es werden überall dieselben Rechner verwendet, es gibt einheitliche Server. Alle Infrastruktur-Themen sind heute weltweit standardisiert. Ebenfalls standardisiert und in einheitlichen Plattformen abgebildet sind unsere Prozesse über die zwölf Geschäftsbereiche und alle Regionen hinweg. Wir setzen für die gesamte Bühler Group auf ein und dasselbe SAP-ERP und CRM-System, aber auch auf einheitliche CAD- und Produktdatenmanagement-Systeme, auf ein einheitliches Offertsystem und so weiter. Ich denke, dieser hohe Grad an Standardisierung und Harmonisierung der IT-Infrastruktur, der Applikationsplattformen und der Prozesse ist einer der Erfolgsfaktoren der IT von Bühler. Basierend darauf können wir nun einfacher und schneller innovative Services für unsere Kunden und Mitarbeitenden entwickeln.

Und wie sieht Ihr Team aus?
Wir sind zentral organisiert – sprich es gibt ein Center of Competence, das aus einem Team in Uzwil mit knapp 100 Leuten und einem Team im indischen Bangalore mit rund 50 Leuten besteht. Dieses zweite Team haben wir vor rund sieben Jahren aufgebaut, nicht zuletzt auch, um in Asien einen Standort zu haben. In diesem Center of Competence werden alle IT-Services entwickelt und ausgerollt. Daneben unterhalten wir für jede Region je ein Service Center, das quasi unser verlängerter Arm ist.

An den einzelnen Standorten aber gibt es keine IT-Mannschaft?
Das hängt von der Grösse und Komplexität des Standorts ab. An kleineren Standorten mit bis zu 50 Mitarbeitenden gibt es in der Regel keine IT-Leute, diese werden von uns und vom jeweiligen Service Center betreut. An den grösseren Standorten gibt es eine bis zwei Personen, welche sich um den Support vor Ort kümmern.

Und wer kümmert sich um den Support am Hauptsitz in Uzwil? Ihr Center of Competence?
Ja, einerseits setzen wir einen europäischen Service Desk ein, der in Braunschweig stationiert ist. Und für den Onsite Workplace Support arbeiten wir mit Ricoh als IT-Dienstleister zusammen. Wir haben vor einem Jahr eine Ausschreibung für den Workplace Service hier in Uzwil gemacht, damit wir unsere internen Kräfte vermehrt auf die Entwicklung neuer Services verwenden können. Ricoh war seit Jahren unser Partner rund um Printing-Services.

Ricoh ist allerdings erst frisch im Geschäft rund um IT-Dienstleistungen. Wie läuft die Zusammenarbeit?
Wir waren zuerst auch überrascht, dass sie sich um den Auftrag als Workplace-­Dienstleister beworben haben. Nicht zuletzt aufgrund der Synergien hat der Entscheid für Ricoh aber absolut Sinn gemacht. Sie kümmern sich um das Einrichten neuer Arbeitsplätze, die Auslieferung von Peripherie sowie jegliche Probleme rund um den Workplace vor Ort. Dazu sind permanent zwei bis drei Personen vor Ort, die sich um die rund 2500 Arbeitsplätze kümmern.

Sie haben es gesagt, Ihre IT ist in Uzwil konzentriert. Welchen Einfluss hat das bei der Suche nach Fachkräften, und wie stark sind Sie vom Thema Fachkräftemangel be­troffen?
Der Fachkräftemangel ist eine grosse Herausforderung. Wenn wir Leute beispielsweise im Bereich SAP, Softwareentwicklung oder Netzwerk suchen, ist es enorm schwierig, Leute in der Schweiz zu rekrutieren. Häufig müssen wir dann auch auf Bewerbungen aus dem Ausland zurückgreifen. Der Fachkräftemangel ist nicht zuletzt auch mit ein Grund für unser zweites Center of Competence in Indien. Hier in der Schweiz gehen wir das Problem an, dass wir selbst IT-Personal ausbilden. Wir haben zum Beispiel jedes Jahr mindestens drei IT-Lernende in Ausbildung, denen wir eine interessante Lehre inklusive Auslandaufenthalten bieten können.

Welche Argumente sprechen denn für Bühler als IT-Arbeitgeber?
Erstens kann ich sagen, dass Bühler eine herausragende Firma mit einer tollen Vision ist – Innovations for a better World. Auf der IT-Seite bieten wir ein breites und interessantes Portfolio und setzen in der Regel auf neueste Technologien. Wir setzen vielfältige Applikationen ein, um unsere Geschäftsprozesse effizienter zu machen. Die Geschäftsprozesse reichen von der Auftragsabwicklung über die Produktion, den Kundendienst, Finanzen, Produktentwicklung, Produktdatenmanage­ment bis zum E-Commerce. Zudem sind wir global tätig, was insbesondere für mich einer der spannendsten Aspekte ist. Wir bringen unsere Services in die ganze Welt und haben täglich mit vielen Nationen und Kulturen zu tun, was enorm befruchtend und bereichernd ist.

Können Sie noch etwas zu aktuellen, grossen IT-Projekten sagen?
Bei uns gibt es jährlich mehr als 100 IT-Projekte auf der ganzen Welt. Die gros­sen SAP-Roll-outs nehmen dabei immer viel Platz ein, dieses Jahr kümmern wir uns um Roll-outs in China und den USA. Dann führen wir in Uzwil im Moment ein vollautomatisiertes Ersatzteillager ein, das 100 Prozent kompatibel mit SAP ist. Weiter sind wir mit der Integration der ehemaligen Haas-Gruppe beschäftigt. Den Weltmarktführer im Bereich Waffeln mit rund 1800 Mitarbeitenden haben wir letztes Jahr übernommen. Diese Integration ist IT- und prozesstechnisch eine riesige Herausforderung, die uns die kommenden drei bis fünf Jahre beschäftigen wird. Dann geht in Kürze die neue Website Bühler von Bühler global online. Bereits erwähnt habe ich den Aufbau des Information Security Management Systems und der anstehenden Zertifizierung, die uns beschäftigen. Und schliesslich bauen wir aktuell eine grosse Engineering-Plattform auf, auf der wir den gesamten Engineering-Prozess unserer Anlagen digitalisieren, um die Effi­zienz und die Qualität zu verbessern.

Wo liegen Ihre Hauptaufgaben in der täglichen Arbeit? Wie muss man sich Ihren Arbeitsalltag vorstellen?
Mein Arbeitstag ist stark geprägt von vielen Abstimmungen und Koordinationen. Oft handelt es sich um Projekt-Meetings, wo ich in der Regel im Steuerungskomitee sitze. Hinzu kommen strategische Treffen mit der Konzernleitung. Auch die Themen Architekturmanagement und Business Alignment im Zusammenhang mit unserem hohen Grad an Standardisierung beschäftigen mich immer wieder. Ein weiteres Hauptthema in meiner täglichen Arbeit ist der Aufbau der IT-Organisation inklusive des Personals und des Talent Managements. Personalmanagement und die Entwicklung von Talenten darf ich dabei als eines meiner Lieblingsthemen bezeichnen. Ich bin davon überzeugt, dass der Erfolg der IT mit den Mitarbeitenden steht und fällt. Darum ist es ein grosses Anliegen von mir, eine tolle Kultur in der IT und im Unternehmen zu pflegen und eng mit dem Business zusammenzuarbeiten und zu kommunizieren.

Bleibt Ihnen hierbei noch Zeit, sich mit eigentlichen Technologie-Themen auseinanderzusetzen?
Das ist nicht einfach durch die vielen Themen, in denen wir tätig sind. Allerdings habe ich in meinem Team viele gute Mitarbeitende, die mich unterstützen, sodass wir technologisch immer auf dem neuesten Stand sind.

Wo sehen Sie IT-seitig die grossen Herausforderungen für die kommenden zwölf bis 24 Monate?
Die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung ist eine grosse Herausforderung. Die Anforderungen steigen und kommen im Zuge der Digitalisierung immer schneller. Entsprechend müssen wir neue Services immer schneller bereitstellen können. Das heisst, dass wir unsere Organisation und die verwendeten Methoden anpassen. Wir machen heute keine grossen Projekte über mehrere Jahre mehr, bei denen der neue Service beim Erscheinen eventuell schon wieder veraltet ist. Wir setzen neue Methoden wie DevOps ein, um schneller zu sein. Bereits angesprochen haben wir die Security-Thematik und das Thema People und Skills, das eine Herausforderung ist. Es geht einerseits darum, gute Leute an Bord holen zu können. Anderseits brauchen wir heute auch andere Skills etwa im Bereich Cloud, Security oder IT- und Datenarchitektur, die wir innerhalb unserer Teams fördern und erweitern müssen.


Manfred Götz

Der studierte Betriebswirtschaftler Manfred Götz ist vor 25 Jahren von Deutschland in die Schweiz gekommen, um bei der Bühler Group als Projektleiter tätig zu sein. Später leitete er das SAP Competence Center bei Bühler, verliess das Unternehmen allerdings auch für vier Jahre, um bei Leica Geosystems zuerst als IT-Entwicklungsleiter und dann als IT-Leiter tätig zu sein. Vor rund 14 Jahren kehrte der heute 55-Jährige zur Bühler Group zurück, um die Leitung der IT zu übernehmen.

Zum Unternehmen

Die Bühler Group ist ein weltweit tätiger Technologiekonzern mit mehr als 13’000 Mitarbeitern. Bühler ist weltweit in 140 Ländern tätig. Das 159 Jahre alte Unternehmen baut unter anderem Anlagen für die Nahrungsmittelindustrie – zwei Milliarden Menschen essen täglich Lebensmittel, die auf Anlagen von Bühler hergestellt wurden. Daneben entwickelt und baut Bühler auch Maschinen für die Mobilitätsbranche. Im letzten Jahr erwirtschaftete das Unternehmen mit Hauptsitz in Uzwil (St. Gallen) einen Umsatz von 3,3 Milliarden Franken.

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