Kreativ und fit für Veränderungen

30. März 2019 - Von Michael Treixler

Unsere körperliche und geistige Fitness beeinflusst unsere Kreativität. Sind wir müde und abgespannt, beschreitet unser Geist keine neuen Denkwege. Das gilt es beim betrieblichen Gesundheitsmanagement zu bedenken.


Wer kennt die Situation nicht? Stundenlang brüten wir im Büro über der Lösung für eine Aufgabe. Sie fällt uns nicht ein. Kaum sind wir jedoch zuhause, haben das Radio angeschaltet und im Sessel Platz genommen, plötzlich ist sie da: die Idee. Wir müssen sie nur noch umsetzen. Oder: Seit Tagen grübeln wir über eine neue Strategie, um ein Ziel zu erreichen. Alles scheint in unserem Kopf festgerostet; nur unbefriedigende Lösungen fallen uns ein. Doch dann abends im Restaurant lässt ein Bekannter eine Bemerkung fallen, und plötzlich macht es "Klick". Wir haben die Lösung; sie ist so einfach und doch so genial, dass wir uns wundern, dass wir sie nicht bereits früher fanden.

Im zweiten Fall wissen wir zumindest, was uns auf die zündende Idee brachte: die Bemerkung des Bekannten. Im ersten Fall werden wir es vermutlich nie wissen: War es der Geruch der Bratkartoffeln aus der Küche, die Nähe unserer Liebsten oder die Bequemlichkeit unserer Freizeithose? Beiden Beispielen ist jedoch eines gemeinsam. Sie beziehen sich auf Situationen, in denen wir uns entspannen und wohl in unserer Haut fühlen – Situa­tionen also, in denen uns kein Stress, kein Zeitdruck und keine Angstzustände plagen, weshalb unsere Gedanken sich frei entfalten und neue Wege beschreiten ­können.


Jede schöpferische Tätigkeit erfordert Kreativität

Womit wir bereits beim Thema Kreativität wären. Viele Menschen glauben: Manche Personen verfügen über sie, anderen fehlt sie völlig. Diese Annahme ist falsch. Denn ihr liegt ein Kreativitätsverständnis zugrunde, das sich rein auf Tätigkeiten im musisch-künstlerischen oder grafisch-gestalterischen Bereich bezieht. Doch Kreativität ist bei allen schöpferischen Tätigkeiten gefragt – beim Entwickeln neuer technischer Lösungen ebenso wie in der Musik und beim Erschliessen neuer Geschäftsfelder oder in der Malerei. Kreativität brauchen wir immer, wenn wir neue Wege beschreiten müssen, um Aufgaben zu lösen – und dies ist in der von rascher Veränderung sowie sinkender Planbarkeit geprägten VUKA-Welt (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität) und in einer Zeit, in der sich die digitale Transformation der Wirtschaft vollzieht, sehr oft der Fall.

Wie oft wir in unserem Lebens- und Arbeitsalltag kreativ sein müssen, sei an zwei einfachen Beispielen erläutert. Angenommen Kinder fragen uns, wie eine Glühbirne funktioniert. Dann müssen wir ihnen dies in ihrer Sprache erklären. Das erfordert Kreativität, da wir auf Begriffe wie elektrische Spannung, Volt und Ampere verzichten müssen. Ähnlich verhält es sich im beruflichen Bereich, wenn wir vor einer neuen Herausforderung stehen. Auch dann müssen wir meist vom gewohnten Vorgehen abweichen und einen neuen Lösungsweg finden. Stets, wenn wir gewohnte Denk- und Verhaltensmuster aufgeben und neue Wege beschreiten müssen, ist Kreativität gefragt.


Woraus sich Kreativität speist

Inwieweit wir dazu fähig sind, hängt von vielen Faktoren ab – unter anderem:
a. Unserer Kompetenz: Wenn wir nicht wissen wie eine Glühbirne funktioniert, können wir es auch nicht unseren Kindern erklären. Wir können ihnen höchstens eine Phantasiegeschichte erzählen. Ebenso verhält es sich im beruflichen Bereich, wenn wir beispielsweise fachfremden Personen (Mitarbeitern, Kunden, Kollegen) komplexe Zusammenhänge möglichst einfach in deren Sprache erklären müssen.
b. Unserer Erfahrung: Wenn wir Kindern schon oft schwierige Zusammenhänge erklärt haben, wissen wir, welches Vorverständnis sie in der Regel haben und können dies bei unseren Erklärungsversuchen berücksichtigen. Entsprechendes gilt für Gespräche mit Kunden und Mitarbeitern im beruflichen Alltag. Auch hier hilft uns unsere Erfahrung, deren Sprache zu sprechen.
c. Unserer körperlichen und geistigen Verfassung: Wenn wir müde und abgespannt sind, bringen wir beim Beantworten der Fragen unserer Kinder wenig Geduld und Phantasie auf. Auch hier bestehen Parallelen zum Berufsalltag: Auch dort zeigen wir, wenn wir uns schlapp, müde, überfordert fühlen, wenn eine neue Aufgabe an uns herangetragen wird, oft eine Abwehrhaltung "Das geht nicht, weil...". Oder wir reagieren gestresst und gereizt. Unsere Muskulatur verspannt sich. Unser Puls- und Blutdruck steigen sowie unsere Atemfrequenz und -tiefe. Und wir verfallen in ein lineares, starres Denken – ein Zustand, der das Finden kreativer Lösungen blockiert.

Oft merken wir dies selbst. Dies lässt uns noch weiter in Stress und Panik verfallen und unsere Unfähigkeit, das Problem zu lösen, potenziert sich. Aus diesem Teufelskreis können wir nur ausbrechen, wenn wir die Reaktionen unseres Körpers kennen; ausserdem, wenn wir mit Strategien vertraut sind, um Stress abzubauen beziehungsweise das Entstehen von Stress zu vermeiden. Dann können wir in Situationen, die Stress erzeugen, Handlungen vornehmen, die den körperlichen Reaktionen, die mit dem Stress einhergehen, entgegensteuern. Als Beispiele für eine solche Momentan-Entspannung seien genannt ein betontes Ausatmen, das Aufsagen eines persönlichen Leitsatzes wie "Ganz ruhig bleiben", das Entspannen aller Muskeln, die wir gerade nicht benötigen, und der Versuch, sich beim Ausatmen jeweils noch weiter zu entspannen. Hierdurch können wir uns oft eine momentane Erleichterung erschaffen – ausser unser Anspannungsniveau ist schon so hoch, dass ein Abbau des angestauten Stresses mit so einfachen Techniken nicht mehr möglich ist.


Die moderne Arbeitswelt ist voller Stressoren

Die Gefahr, dass dies geschieht, ist in der modernen Gesellschaft und Arbeitswelt hoch, denn in ihr folgt auf die meisten Situationen, die in unserem Körper Stressreaktionen auslösen, keine völlige Entspannung. Der nächste Stressor (so werden die Stress auslösenden Faktoren genannt) folgt bereits, bevor die körperlichen Reaktionen, die der vorangegangene auslöste, abgeklungen sind.

Wir kennen solche Situationen aus unserem Alltag: Gerade haben wir den Telefonhörer aufgelegt und wollen uns eine Gesprächsnotiz machen, schon wieder klingelt das Telefon. Kaum ist das zweite Telefonat beendet, und wir überlegen, was wir nach dem ersten notieren wollten, schon öffnet sich die Tür, und ein Kollege stellt eine Frage. Ein Reiz, ein Stressor jagt den anderen. Durch die Vielzahl kurz aufeinander folgender Reize erhöht sich der Spannungszustand unseres Körpers immer weiter. Wird er nicht zwischenzeitlich gesenkt, treten auf Dauer stressbedingte körperliche Beschwerden auf. Dies können unter anderem Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Hautprobleme, Magen-­Darmbeschwerden, Herzerkrankungen, Bluthochdruck sowie Potenzstö­rungen sein.


Unsere Stressresistenz und Resilienz erhöhen

Dieser Entwicklung können wir entgegen steuern, indem wir entweder lernen, Stress zu bewältigen, und/oder unsere Stressresistenz – auch Resilienz genannt – erhöhen. Wie stark und schnell wir gestresst reagieren, hängt nämlich stark von unserem körperlichen und geistigen Befinden ab.

Deshalb sollten wir nicht nur die Reaktionen unseres Körpers sowie gewisse Stressmanagement-Methoden kennen, wir sollten uns auch gesund, das heisst körpergerecht ernähren; ausserdem regelmässig und ausdauernd Sport treiben. Die Betonung liegt hierbei auf regelmässig und ausdauernd, denn nur dann wirkt sich Sport positiv auf unseren Körper aus: Der Blutdruck sinkt, die Herzfrequenz und der Sauerstoffbedarf nehmen ab, der LDL-Cholesterinanteil am Gesamtcholesterin sinkt, der HDL-Anteil steigt, der Körperfettanteil reduziert sich, die Blutfliesseigenschaften und der Zucker­stoffwechsel verbessern sich.

Ausserdem werden durch Ausdauersport Stresshormone abgebaut, und Endorphine, körpereigene Hormone, die entspannend wirken, aufgebaut. Deshalb verbessert Ausdauersport auch unser geistiges Befinden. Unser Kopf wird wieder frei zum Denken.


Neue Verhaltensmuster entwickeln

Oft haben sich jedoch beruflich stark engagierte Personen im Laufe ihres Lebens Verhaltensmuster angewöhnt, die ihrem körperlichen und geistigen Wohlbefinden eher schaden als nützen. Diese aufzugeben, fällt ihnen schwer – auch weil ihnen im Alltag oft vieles wichtiger erscheint, als auf das langfristige Bewahren ihrer Gesundheit und Leistungskraft zu achten. Das haben auch viele Unternehmen erkannt. Deshalb verknüpfen sie bei ihrer betrieblichen Gesundheitsprävention oft folgende drei Elemente miteinander: medizinischer Check-up, Information über die gesundheitsrelevanten Themen Ernährung, Bewegung, Stress und Entspannung sowie Training eines gesundheitsfördernden Verhaltens durch Gesundheitssport und Entspannungstechniken.

Sie praktizieren sozusagen einen "pädagogischen" Dreischritt. Zunächst informiert ein medizinischer Check-up die Teilnehmer über ihre aktuellen, individuellen Gesundheitsdaten und Risikofaktoren. Im zweiten Schritt erläutern Mediziner, Sport- und Ernährungswissenschaftler, was die Daten bedeuten, wie sie aufgrund der Körperreaktionen zustande kommen und wie sie durch bewusste Ernährung, Ausdauersport und Stressmanagement positiv beeinflusst werden können. Schritt drei: Die Teilnehmer üben unter fachlicher Anleitung ein neues gesundheitsförderndes Verhalten.


Geistesblitze verdichten sich zu Erkenntnis

Ein solches Präventionskonzept baut folglich auf denselben Elementen auf, die auch Voraussetzung für das Entfalten von Kreativität sind: Eine adäquate geistige und körperliche Verfassung (sie dokumentiert sich in dem medizinischen Befund des Check-ups), Kompetenz (sie entsteht durch das Vermitteln von Wissen über gesundheitsrelevante Themen) und Erfahrung (sie resultiert aus dem Trainieren/Einüben eines gesundheitsfördernden Verhaltens).

Deshalb führt dieser Präventionsansatz bei den Teilnehmern meist zu einem Aha-­Erlebnis, das zu einer langfristigen Veränderung ihres Verhaltens führt. Dieses Aha-Erlebnis entspricht dem Geistesblitz, den wir oft nach langem Suchen nach kreativen Lösungen plötzlich haben. Er entsteht nicht zufällig; er ist das Ergebnis von Kompetenz und Erfahrung, die sich unter stimulierenden Rahmen­bedingungen zu einer neuen Erkenntnis verdichten.


Der Autor

Michael Treixler ist Geschäftsführer des Experten für Betriebliches Gesundheitsmanagement Skolawork, Königswinter (www.skolawork.de) sowie des Anbieters medizinischer Gesundheits-Check-ups Skolamed (www.skolamed.de). Ausserdem ist er Geschäftsführer der Petersberger Akademie, die unter anderem jährlich den Gesundheitsmanagement-­Kongress Health-on-top auf dem Petersberg (bei Bonn) durchführt (www.petersberger-­akademie.de).

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