Eine schlaue Kamera

von Matthias Wintsch

3. November 2018 - Huaweis neuester Wurf beeindruckt: ein echter Anwärter auf den Smartphone-Thron.

Huawei hat ein neues Smartphone-­Flaggschiff vorgestellt: Das Mate 20 Pro. Vor allem mit massenhaft Leistung, AI-Funktionen und einer High-end-Kamera will sich Huawei mit dem Vorzeigegerät von der Konkurrenz abheben. "Swiss IT Magazine" hat das Smartphone getestet.

Raus aus der Box

Der erste Eindruck ist definitiv stimmig. Der Verpackung entspringt ein hochwertig wirkendes Gerät, gerade einmal 9,5 Millimeter dick, in ansprechendem Design. Die abgerundeten Kanten fügen sich tadellos ins Gesamtdesign des Huawei-Flaggschiffs ein. Das 6,39 Zoll grosse OLED-Panel löst mit saftigen 3120×1440 Pixel auf, sprich: in QHD mit Überlänge. Nicht nur die Auflösung, auch die Bildqualität überzeugt mit vollen Farben und guter Helligkeit. Im Notch verbirgt sich beim Pro neben der 24-MP-Kamera der Infrarot-Gesichtsscanner für die Entsperrung des Geräts, auch in der Dunkelheit. Dieser funktionierte im Test einwandfrei. Die zweite Option zum Entriegeln, der Fingerabdruckscanner, ist im Display verbaut, bis zu fünf verschiedene Fingerabdrücke können hinterlegt werden. Einen Scanner an der Rückseite oder einen Home-Button sucht man somit vergebens. Wenn man sich einmal an den ungefähren Punkt auf dem Display und den nötigen Fingerdruck gewöhnt hat, ist der Scanner zuverlässig und, wie der Test zeigte, das angenehmste und schnellste Mittel, um das Gerät zu entriegeln. Schliesslich hat man den Finger ja eh schon auf dem Display, wenn man beabsichtigt, es zu verwenden.

Noch ein letzter Punkt zur Grundausstattung selbst, bevor wir uns der Kamera widmen, die augenscheinlich das Herzstück des Gerätes ist: Auch Huawei verzichtet auf einen 3,5-Millimeter-Klinkenstecker für Audiogeräte, der Verpackung liegen jedoch sowohl Headphones mit USB-C-­Stecker wie auch ein kleiner Adapter für den Klinkenstecker auf USB-C bei. Die Vermutung liegt nahe, dass das Fehlen des Anschlusses neben dem Platzproblem der IP68-Zertifizierung des Gehäuses geschuldet ist. Tatsächlich soll das Mate 20, so der Hersteller, über eine Stunde lang bis 1,5 Meter tief tauchen können, ohne Schaden zu ­nehmen.


Ist es ein Kochfeld? Nein.

Der Blickfang des Mate 20 Pro, die Kamera in quadratischer Kochfeld-Optik, dürfte ein triftiger Kaufgrund für manchen Benutzer sein: Mit einer Dreifach-­Kamera von Leica packt Huawei viel Optik in die Geräterückseite. Diese besteht aus einem Weitwinkelobjektiv mit 40 MP, einem Ultraweitwinkelobjektiv mit 20 MP sowie einem Teleobjektiv mit 8 MP. So unterstützt die Kamera verschiedenste Anwendungsszenarien von Ultraweitwinkel- bis hin zu Makroaufnahmen mit 2,5 Zentimeter Abstand zum Sujet.

Bei der Bildaufnahme kommen die AI-­Features des Mate 20 Pro zum Tragen: Die Dreifachkamera kann dank künstlicher Intelligenz Menschen erkennen, diese farblich hervorheben oder bei Filmaufnahmen ein bewegtes Objekt fixieren und dieses in der gesamten Szene scharf aufnehmen. Auch zerlegt die künstliche Intelligenz aufgenommene Bilder in mehrere Ebenen und setzt diese zu einem scharfen, gut ausgeleuchteten Bild zusammen. Bei Aufnahmen unter widrigen Lichtverhältnissen wird man dabei aufgefordert, das Gerät kurz ruhig zu halten. Ein Stativ ist aber nicht nötig, auch das natürliche Ruckeln der Hand wird von der Software ausgebügelt.

Die Ergebnisse sind beeindruckend: Fotos bei Kerzen- oder Strassenlaternen-­Beleuchtung sind dank Schwerstarbeit des Chips mit der Linse ebenso möglich, wie scharfe, bewegte Videos – AI sei Dank. Die Kamera spielt wahrlich in der obersten Liga und schiesst mit Leichtigkeit beeindruckende Bilder in allen möglichen Situationen, auch unter ungünstigen Lichtverhältnissen.


Drinnen steppt der Bär

Die AI-Features werden durch das Innenleben des Mate 20 Pro ermöglicht, dessen Spezifikationen auf dem Papier überzeugen: Im Gerät arbeitet der Kirin 980, der neue High-end-Chip aus dem Hause Huawei selbst. Dieser soll, so der Hersteller, die Kennzahlen des aktuellen Chip-Platzhirschs Snapdragon 845 sowohl bezüglich Leistung als auch Energieverbrauch locker toppen. Der Chip ist laut Huawei das erste 7-Nanometer-Ein-Chip-System (SoC) weltweit, darin arbeiten vier Cortex-A76-Kerne, jeweils zwei mit 2,6 und 1,92 GHz und vier weitere Cortex-A55-Cores mit 1,8 GHz. Auch das Cat.21-LTE-Modem ist top, mit bis zu 1,4 Gbps Download-Speed, wie der Hersteller verspricht. Im Test war es schwer, den Prozessor oder die 6 GB Arbeitsspeicher zu überlasten. Selbst bei längeren leistungsintensiven Aufgaben, wie etwa 3D-Spielen, wird das Gerät nur geringfügig warm. Sowohl Framerate wie auch Ladezeiten blieben stets stabil.

Das Mate 20 Pro kommt mit 128 GB internem Speicher, der mit einer Nano Memory Card auf 256 GB aufgestockt werden kann. Das Nano-Memory-Card-­Format wurde übrigens von Huawei entwickelt, hat das Format einer Nano-­SIM-Karte und soll ein neuer, offener Standard sein. Huawei hofft, dass auch andere Hersteller in die Produktion des neuen Formats einsteigen werden. So sollen Benutzer zukünftig selbst wählen können, ob weitere Steckplätze für erweiterte Speicherkapazität oder eine weitere SIM-Karte verwendet werden sollen. Bis es soweit ist, zwingt der neue Standard im Mate 20 Pro zum Kauf einer solchen Nano-SIM, wenn man eine Speichererweiterung wünscht.


Ist es wirklich kein Kochfeld? Jein.

In der Praxis fügt sich das Mate 20 Pro dank intuitiver Usability und vorinstalliertem Android-Pie-Betriebssystem gut in den Alltag ein. Der Launcher ist funktional und die Menge an installierter Bloatware einigermassen überschaubar, wenn auch, für unseren Geschmack, immer noch zu viel. Die vorinstallierte Software ist also erträglich, trotzdem haben wir während dem Test allzu bald einen neuer Launcher installiert.

Beeindruckend ist hingegen der Akku mit seinen Extras: Das 4200-mAh-Monstrum hält bei ziemlich reger Nutzung locker zwei Tage durch und soll mit dem mitgelieferten 40-Watt-Ladegerät in einer halben Stunde von null auf 70 Prozent geladen werden können, was sich im Test als recht akkurat herausgestellt hat. Auch Wireless Charging mit 15 Watt ist bei Huawei nun endlich an Bord, der chinesische Hersteller legt aber noch eine Schippe oben drauf: Dank Reverse-Charging kann das Mate 20 Pro anderen Geräten mit Qi-Standard per Induktion Akku spenden. Das Gerät ist somit doch so was wie ein Kochfeld, aber nicht wegen der Kamera. Während sich die Ladeleistung beim Reverse Charging natürlich in Grenzen hält, wird es aber sicher reichen, damit die Begleitung das SBB-Billet gerade noch vorzeigen kann. Durchaus ein nützliches Feature aus der Kategorie "Retter in der Not".

Ein Mate für Sparfüchse

Das Mate 20 Pro kommt im Duett mit dem Mate 20 auf den Markt. Für einen kleineren Preis können Käufer vom starken Chip profitieren, verzichten aber auf abgerundete Bildschirmkanten, Face-Scanner, Reverse Charging, IP68-Standard und müssen sich mit einem 1080p-LCD-Panel sowie einem Akku mit "nur" 4000 mAh begnügen. Die Kamera wartet zwar mit dem identischen Feature-Katalog auf, liefert aber weniger Megapixel als das Mate 20 Pro. Die Einsparung gegenüber dem Premium-­Modell beträgt 200 Franken.

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