CIO-Interview: "Das Netzwerk ist das Herz der ­Digitalisierung"

9. Juni 2018 - Quentin Bauden ist aktuell daran, beim ­Kunststoffkomponenten-Spezialisten Weidplas die Arbeitsplätze smart zu machen. Als wichtigstes Puzzlestück bei dem Projekt bezeichnet er das Change Management.

"Swiss IT Magazine": Smart Workplace ist aktuell ein grosses Thema bei Ihnen. Können Sie mir zum Eingang erklären, was Sie unter einem Smart Workplace verstehen?
Quentin Bauden: Mein Ziel ist es, den Mitarbeitern zu ermöglichen, flexibel miteinander zu arbeiten und die neuesten Technologien zu nutzen. Diese Technologien sind unter anderem dank der Cloud so ausgereift, dass dieses Ziel des Digital Workplace erreicht werden kann. Inzwischen ist es für den Mitarbeiter sehr einfach, sich mit seinem Smartphone, Tablet oder Notebook mit der Firma zu verbinden und Zugriff auf seine Dateien und die Systeme zu bekommen. Smart wird der Workplace für mich ausserdem dadurch, dass das Onboarding auf das System für den Mitarbeiter möglichst einfach und schnell funktioniert – ohne, dass Berührungspunkte zur IT-Abteilung gefordert sind.

Und wie setzen sie diesen Smart Workplace bei Weidplas um?
Wir arbeiten im Smart-Workplace-Projekt mit Swisscom zusammen und planen ausserdem einen Pilotversuch mit dem Autopilot Programm von Microsoft. Die Idee hierbei ist, dass jeder Mitarbeiter direkt vom Lieferanten ein Gerät bekommt, sich einloggt, und dann mittels Intune-Service von Microsoft direkt festgestellt wird, dass das Gerät von Weidplas stammt und die passenden Zertifikate, Applikationen und Lizenzen aufgespielt werden.

Wo stehen Sie im Projekt aktuell?
Wir haben erste Geräte bereits in Betrieb genommen, im Mai hatten wir sechs Pilotbenutzer.

Und wie arbeiten die übrigen Mitarbeiter?
Die übrigen Mitarbeiter nutzen ausschliesslich Citrix. Das bedeutet für sämtliche Mitarbeiter, dass sie sich am Morgen, wenn Sie zur Arbeit kommen, zwei Mal anmelden müssen, einmal bei Windows, und dann nochmal bei Citrix. Das macht sicher Sinn für diejenigen, die viel unterwegs sind, nicht aber für die, die in einem Werk oder am Hauptsitz in Küsnacht arbeiten.

Und Citrix soll im Rahmen des Smart-Workplace-Projekts nun abgelöst werden?
Leider sind nicht alle unsere Lösungen Cloud-fähig – angefangen beim ERP-System, wo wir auf SAP setzen, über zahlreiche andere Softwarelösungen. Also werden wir auch weiterhin entweder Citrix benötigen oder aber alternative Lösungen, um Remote Access zu ermöglichen. Die Entscheidung wurde noch nicht gefällt. Meine Idee ist aber, dass wir Smart Workplace mit Windows 10 und Intune sowie Remote Access mittels Zscaler Private Access und Software Defined Networks realisieren. So könnten wir überall arbeiten, als wären wir an einem unserer Standorte.

Wann soll der Smart Workplace für den Rest der Belegschaft verfügbar werden?
Geplant ist, dass ab September die Schweiz und Deutschland ausgerollt werden. Dann folgen die weiteren Länder, je nachdem wie es um die lokalen Gegebenheiten und auch die Verfügbarkeit der Microsoft-Lösungen steht.

Geben Sie vor, welche Geräte die Mitarbeiter für ihren Smart Workplace nutzen dürfen, oder können die Mitarbeiter selbst wählen?
Im Moment ist die Auswahl auf diejenigen Geräte beschränkt, die mit Autopilot zusammenspielen. Unsere Idee ist, dass wir pro Land mit einem Lieferanten arbeiten, der mit uns das Device Enrollment macht. Zusammen mit diesem Lieferanten werden wir den Mitarbeitern einen Katalog an Geräten zur Auswahl geben.

Allerdings setzt Ihre Vi­sion mit dem automatischen Onboarding der Mitarbeiter schon eine recht hohe Standardisierung voraus, oder nicht?
Nicht unbedingt. Die einzige Standardisierung, wenn Sie so wollen, ist Windows 10 zusammen mit Autopilot. Darüber hinaus ist man eigentlich frei in der Wahl der Geräte. Weidplas unterhält Werke in der Schweiz, Deutschland, den USA und Brasilien und zusätzlich Büros in Frankreich, Spanien, China und Südafrika. In diesen Ländern dürfen die Geräte lokal eingekauft werden, und wenn sich die Mitarbeiter künftig mit Intune einloggen, wird das Gerät automatisch zum Weidplas-­Gerät.

Im Applikationsbereich setzen Sie mit Office 365 auf eine Cloud-Lösung, das ERP-System kommt von SAP. Wie steht es um ihre übrigen Applikationen? Arbeiten Sie mit Standardsoftware?
Wir betreiben seit rund sechzehn Jahren bereits ein Manufacturing Execution System (MES), bekommen also Daten von unseren Maschinen, mit denen wir in SAP arbeiten können. Das würde man heute wohl als Industrie 4.0 bezeichnen. Neu im Einsatz haben wir ein PLM-System (Product Lifecycle Management), dabei setzen wir auf die Lösung Windchill, und wir nutzen Qlikview als Dashboard-Software. Das ist alles Standardsoftware.

Und wie einfach ist diese Software in Ihr Smart-Workplace-Konzept zu integrieren?
Das wesentliche Problem, dass sich stellt, ist die Erreichbarkeit der Applikationsserver. Office 365 ist in der Cloud und somit von jedem Gerät aus immer erreichbar. Auch Qlikview werden wir nach Azure in die Cloud migrieren. Mit SAP wird es wie bereits erwähnt schon etwas schwieriger, ein ausgereiftes SAP-ERP in der Cloud fehlt, also muss ich mit lokalen Ressourcen arbeiten, genauso wie beim MES. Darum ist eine Lösung, wie wir sie mit Zscaler anstreben nötig, um remote auf die Application-Server, die in unserem Fall bei Swisscom stehen, zu gelangen.

Welches ist in Ihren Augen die grösste Herausforderung bei der Umsetzung eines Smart-Workplace-Konzepts?
Zum einen das Timing. Smart Workplace betrifft praktisch alle Bereiche der IT, entsprechend muss alles am Tag X bereit sein und funktionieren. Hier erweist sich Citrix bei uns als Glücksfall, weil Citrix als Backup bereitsteht und wir schrittweise vorgehen können. Zum anderen ist das Change Management eine grosse Herausforderung. Wir haben bereits jetzt damit begonnen, die Mitarbeiter auf die Umstellungen vorzubereiten, kommunizieren viel, führen erste Neuerungen wie zum Beispiel Skype und Sharepoint für die Zusammenarbeit bereits jetzt ein. Change Management im Griff zu haben ist in meinen Augen der Schlüsselfaktor zum Erfolg eines solchen Projekts. Aus technischen Gesichtspunkten ist IT heute soweit, dass man praktisch jedes Problem lösen kann. Aber zu erreichen, dass die Mitarbeiter die Lösungen auch nutzen, die Prozesse angepasst werden, das ist eine andere Geschichte. Wir setzen voll und ganz auf Kommunikation, zeigen bereits jetzt, woran wie arbeiten und was die Mitarbeiter erwarten dürfen.

Wo sehen Sie letztlich den Hauptvorteil Ihrer Smart Workplace Lösung?
Es gibt mehrere Vorteile. Unter anderem möchten wir die Zusammenarbeit unter den Mitarbeitern und Standorten vereinfachen. Sicherlich wollen wir auch Kosten senken. Und nicht zuletzt geht es darum, uns als Arbeitgeber attraktiv zu machen. Wir wollen zeigen, dass wir als modernes Unternehmen auch moderne Lösungen nutzen, bei denen Zusammenarbeit im Zentrum steht.

Sie haben Swisscom einige Male erwähnt. Welche Aufgaben übernimmt Swisscom für Sie?
99 Prozent unserer IT sind bei Swisscom, wir betreiben mit Swisscom ein Full Outsourcing.

Warum diese Strategie?
Weidplas ist 2015 nach dem Verkauf der Automotive-Abteilung aus dem Unternehmen Weidmann hervorgegangen. Das bedeutete, dass die Firma innerhalb von sechs Monaten eigenständig werden musste. Das galt auch für die IT-Abteilung. Wir mussten die ganze Infrastruktur und alle Applikationen neu aufbauen. Im Zuge dessen ist der Entscheid für ein Full Outsourcing an Swisscom gefallen.

Wie zufrieden sind Sie mit der Zusammenarbeit mit Swisscom? Was läuft gut, und wo sehen Sie noch Optimierungspotential?
Sicherlich sehr positiv zu erwähnen sind die Personen, mit denen wir bei Swisscom arbeiten. Sie kennen Ihre Materie und besitzen tiefes Know-how. Potential sehe ich noch im Projektbereich, die Prozesse sind manchmal etwas langwierig, was für uns als sehr agiles Unternehmen etwas mühsam sein kann. Swisscom ist ein grosses Unternehmen, und beim Outsourcing ist es letztlich eine Frage, ob man mit einem grösseren Partner arbeiten will, der die Prozesse, die Methodologie im Griff hat und Sicherheit bietet, oder ob man einen sehr flexiblen Partner bevorzugt. Ausserdem darf ich sagen, dass die Flexibilität bei Swisscom bei neueren Lösungen wie Smart Workplace deutlich verbessert wurde und ich diese eher bei den etablierten Themen wie Infrastruktur vermisse.

Wie sehen Ihr IT-Team und ihre lokale IT angesichts dieses Outsourcings denn aus?
Neben mir als CIO haben wir an jedem Standort einen lokalen IT-Verantwortlichen. Ausserdem beschäftigt Weidplas einen Head of Digital Manufacturing. An lokaler Infrastruktur in eigenen Serverräumen in den Werken betreiben wir ein sogenanntes Manufacturing Execution System (MES), dass die Produktionsaufträge aus SAP heraus an die Maschinen sendet und danach Stückzahlen und Ausschuss zurück an SAP schickt. Ebenfalls intern ist die EDI-Kommunikation mit den Kunden und Lieferanten, um die Bestellungen anzunehmen und Lieferbestätigungen und Rechnungen zu versenden.

Und diese Systeme wollen Sie auch intern behalten?
Nicht unbedingt. Das MES haben wir aktuell deshalb intern in der Nähe der Maschinen, weil die Menge an Daten, die hin und her geschickt wird, recht gross ist. Letztlich ist dies aber eine Frage des Netzwerks, und wenn wir es schaffen, unser Netzwerk schnell und zuverlässig genug zu gestalten, kann man auch ein MES auslagern. Grundsätzlich bin ich der Überzeugung, dass das Netzwerk das Herz der Digitalisierung ist.

Ist das Netzwerk denn auch ihre grösste Herausforderung?
Die Verbesserung des Netzwerks ist mit Sicherheit eine grosse Herausforderung. Unser SAP zum Beispiel wird für all unsere Standorte auf Servern von Swisscom betrieben. Aus der Schweiz oder Deutschland heraus ist die Response Time kein Thema, anders sieht es für China oder Brasilien aus. Hier werden wir ins Netzwerk investieren.

Welche Projekte beschäftigen Sie abseits von Smart Workplace und der Netzwerkverbesserung noch?
Ein grosses Projekt ist der aktuell laufende Rollout des PLM-Systems Windchill. Ebenfalls prüfen wir im Moment eine neue Version des Manufacturing-Execution-Systems, da das aktuelle System wie erwähnt seit sechzehn Jahren im Einsatz ist. Bald ein Thema wird zudem SAP S/4 Hana, geplant ist die Migration auf Hana 2019 oder spätestens 2020.

Gibt es Projekte, die sie gerne umsetzen würden, aber aus Zeit- oder Budgetgründen nicht können?
Eigentlich nicht. Die Unternehmensleitung ist sehr offen, wenn es um IT-Projekte geht. Klar, wir können nicht alles gleichzeitig machen, darum haben wir Hana zum Beispiel um rund ein Jahr nach hinten schieben müssen. Aber das Umfeld bei Weidplas stimmt für mich als CIO. Die Grösse der Firma mit rund 1000 Mitarbeitern ist ideal – das Unternehmen ist nicht so gross, um nicht mehr agil zu sein, und trotzdem gross genug, damit auch Budget für Investitionen vorhanden sind. Zudem wird IT vom Management als Business Enabler gesehen, nicht als notwendiges Übel. Ebenfalls positiv für mich ist, dass das IT-Team schon lange im Unternehmen ist und die Prozesse, Systeme und Anforderungen gut kennt, gleichzeitig aber offen für Neues ist.

Weidplas ist Teil des US-Konzerns Techniplas. Welche Vor- und Nachteile bringt das mit sich?
Wir geniessen bei Weidplas grosse Freiheiten. Ich muss allerdings anfügen, dass ich bei Techniplas, dem Weidplas-Mutterhaus, als CIO Rest of the World tätig bin. Ich bin also für die gesamte Techniplas-­IT abgesehen der USA und Mexiko verantwortlich. Wir sind noch nicht soweit, dass Projekte konzernweit vorangetrieben werden, aber unser Ziel ist über kurz oder lang eine konzernweite IT.

Laufen Sie so nicht Gefahr, dass Sie jetzt Lösungen einführen, die dann als Folge einer konzernweiten IT-Strategie wieder ersetzt werden?
Aus diesem Grund stelle ich sicher, dass alle neuen Lösungen skalierbar sind und auch in den USA verwendet werden können. Wenn unsere Lösungen State of the Art sind, macht es Sinn, dass diese irgendwann konzernweit ausgerollt werden. Wenn wiederum in den USA eine Lösung verwendet wird, die auch uns Vorteile bringt, dann gibt es keinen Grund, diese nicht zu übernehmen.

Zum Schluss eine Frage aus aktuellem Anlass. Am 25. Mai ist die EU-DSGVO in Kraft getreten. Inwieweit hat sie das Thema beschäftigt.
Das Thema Datenschutz ist für uns wichtig, und wir sind bemüht, die Vorgaben der Verordnung einzuhalten. Einfacher wurde die Sache für uns dadurch, dass wir zahlenmässig nicht so viele Kunden haben. Unsere Kunden sind die grossen Autokonzerne, wir kennen unsere Kunden und haben kaum Personendaten, also sind wir hier weniger betroffen. Unsere Mitarbeiterdaten aber und unsere Website haben wir konform gemacht.

Schlaflose Nächte hatten Sie aber keine?
Nein. Ich habe auch einige Konferenzen zum Thema besucht, und ich denke, meine Kollegen bei Banken oder Versicherungen sind deutlich stärker vom Thema betroffen als wir. Wir haben unsere Daten im Griff, die Datenquellen sind klar, und wir wissen, wo unsere Personen­daten liegen.

Quentin Bauden ist seit einem Jahr CIO von Weidplas. Begonnen hat der gebürtige Franzose seine Karriere beim Autokonzern PSA Peugeot Citroën, danach war er zwei Jahre als Berater für die französische Armee tätig. Seinen ersten Job in der Schweiz hat der 38-Jährige vor knapp zehn Jahren bei Alstom Power als Projekt­leiter angetreten und wurde dann CIO des Manufacturing-­Bereichs und Teil der SAP-ERP-Migration. Nach der Übernah­me durch GE war er Pro­duct Manager für die Steam Digital Power Plant, bevor er bei Weidplas wieder zurück zur Autoindustrie fand.


Zum Unternehmen

Weidplas ist seit Ende 2014 Teil des US-Konzerns Techniplas. Davor gehörte es als Weidmann Plastics Technology zur Wicor Holding in Rapperswil-­Jona. Weidplas ist ein führender Hersteller hochentwickelter und technisch anspruchsvoller Kunststoffkomponenten schwerpunktmässig für die Automobilbranche und zählt weltweit rund 1000 Mitarbeiter in Europa, Nord- und Südamerika, Afrika und Asien.

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