Scheitern erlaubt?!

Scheitern erlaubt?!

Scheitern erlaubt?!

(Quelle: iStock Photo)
Artikel erschienen in IT Magazine 2018/04
Seite 1
7. April 2018 -  Von Georg Kraus

Wer als Unternehmer scheitert, wird schnell als Verlierer abgestempelt. In Unternehmen kann ein gescheitertes Projekt sogar das Karriereende bedeuten. Dadurch berauben wir uns vieler Lernchancen.
Was ist ein Fuck-up? Das Gegenteil eines Start-ups – oder zumindest eine mögliche Konsequenz hiervon. Jahr für Jahr werden allein in der Schweiz über 40’000 Unternehmen gegründet; also weit mehr als 100 täglich. Doch nur jedes Zehnte hat Erfolg. Das heisst: Bei rund 36’000 Jungunternehmern und Selbständigen ist das Scheitern vorprogrammiert.

Und wenn sie scheitern? Sind die gestrandeten Unternehmer dann stolz auf diese Erfahrung und die Lehren, die sie hieraus zogen? Erzählen sie anderen davon, lecken ihre Wunden und starten gereift und gestärkt neu durch? Eher selten. Wer in der Schweiz, in Österreich oder Deutschland scheitert, schweigt. Scheitern ist tabu, denn es riecht nach Schwäche, schmeckt nach Fehlern. Im besten Fall erzeugt es Mitleid beim Gegenüber. Und im schlimmsten Fall ist der Misserfolg ein scharlachrotes Brandmal. Das Umfeld reagiert mit Abneigung und Ausgrenzung, versteckter Schadenfreude oder Häme. Ein "Loser" zu sein, ist nicht lustig. Es ist peinlich, ein Grund zum Schämen und Schweigen.

Über Misserfolge sprechen befreit

Doch seit circa drei Jahren gibt es eine Bewegung, die mit diesem Tabu bricht. Die Mexikanerin Leticia Gasca hatte die Geschäftsidee, Indio-Kunsthandwerk übers Internet zu verkaufen. Die Umsetzung ging schief. Zunächst hatte die junge Unternehmerin Hemmungen, über ihr Scheitern zu sprechen. Doch dann erzählte sie Freunden davon und merkte, wie wichtig es für sie war, diese Erfahrung zu teilen.

So entstand bei Leticia Gasca die Idee, regelmässig Fuck-up-Nights zu organisieren – Treffen, bei denen Menschen Geschichten von ihrem eigenen Scheitern erzählen. Und immer mehr Personen kamen. Denn die Frauen und Männer, die es sich erlaubten, offen über ihr Scheitern zu reden, erlebten dies wie eine Katharsis. Sie wurden wieder frei von Scham, Angst und Selbstverurteilung. Frei für den nächsten Versuch, den nächsten Start.

Inzwischen hat dieser Trend viele Länder erfasst. Und in zahlreichen Grossstädten finden regelmässig solche "Loser-Treffen" statt: Storytelling, um das Erlebte zu verarbeiten, und Misserfolge salonfähig machen. Das ist ein sinnvoller Weg, um nicht in einer Art Schockstarre zu verharren, sondern wieder Mut zu fassen, aufzustehen und durchzustarten.
 
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